Über dem Atlantik vor Swakopmund liegt eine wabernde Nebelbank. Mit dem trüben Blick am Morgen nach einem viel zu langen Besuch im Deutschen Brauhaus könnte man dieses Wetterphänomen auch für einen Tsunami halten. Oder für den Nebel des Grauens, der die rachsüchtigen Geister von einst in die Gegenwart bringt. Gott sei Dank ist es weder das eine noch das andere und so können wir sorglos in den Shuttlebus steigen, der inzwischen vor unserem Hotel gehalten hat. Durch die noch weitgehend menschenleeren Straßen der namibischen Küstenstadt geht es zwischen mächtigen Sanddünen links und dem Ozean rechts nach Walvis Bay.
Der wichtigste Hafen des südwestafrikanischen Landes geht auf einen Handelsposten der Holländer zurück, die sich hier um 1793 festsetzten. Ihnen folgten 1878 die Briten. Kurioserweise blieb die „Walfischbucht“ eine Enklave des Empires mit dem seit 1884 bestehenden Deutschen Schutzgebiet, als das Namibia seinerzeit offiziell firmierte, rundherum. Für den Seeweg zur Kapkolonie und weiter nach Indien spielte der Ort nach wie vor eine strategisch bedeutsame Rolle — trotz des bereits eröffneten Suezkanals.
Heute markieren nicht mehr Festungsanlagen und Garnisonen den Einfluss fremder Mächte, sondern riesige Bohrplattformen unmittelbar vor der Küste. Man muss sich durchaus eingestehen, dass die Windräder vor unserem heimischen Ostseestrand doch etwas gefälliger wirken im Gegensatz zu den monströsen Stahlungetümen mit denen hier die Öl- und Gasgewinnung durch ausländische Konzerne vorangetrieben wird.

Nach einer halbstündigen Fahrt stehen wir neben dem abgesperrten Bereich des Hochseehafens an einer Kaimauer und suchen den Katamaran, mit dem wir und einige andere Touristen gleich auf den Atlantik hinausschippern wollen. Das geräumige Boot ist schnell gefunden und kurz darauf legen wir auch schon ab. Indes hat sich der Nebel verzogen und die Temperaturen werden etwas angenehmer, obschon es wolkenverhangen und diesig bleibt.
Unser Skipper ist ein vom Wetter gegerbter älterer Seebär deutscher Abstammung, der allerdings noch nie in Deutschland war. Vielleicht ist das auch besser so. Ihm gehen zwei junge schwarze Namibier zur Hand. Es dauert nicht lange und wir sichten die ersten Robben, die mit erstaunlicher Eleganz und Geschwindigkeit wie Torpedos hinter unserem Katamaran dreinschwimmen.
Und plötzlich, zack landet ein solcher Flossenfüßer bäuchlings auf dem Heck des Bootes. Der Skipper ist wenig überrascht, denn bald wird klar, dass unser neuer Passagier irgendwo an Deck einen Eimer mit Fischen darin vermutet und das nicht zu Unrecht. Doch gar zu leicht wird es der Robbe nicht gemacht, die sich nach einer kurzen Verschnaufpause prompt zum Vorderschiff bewegt, um die für ihren Besuch offenbar verabredete Belohnung in Empfang zu nehmen. Für uns ergibt sich so aber die vielleicht einmalige Gelegenheit, einen echten Südafrikanischen Seelöwen zu streicheln, was der auch widerstandslos geschehen lässt. Nach den unvermeidlichen Selfies kommt dann doch unser Bootsführer mit einem Eimer und wirft dem gierig seinen Hals reckenden Tier einige Heringe zu, die es mit großem Geschick fängt und verspeist.

Einstweilen satt plumpst die Robbe zurück ins Meer und bleibt nicht die einzige Attraktion. Gerade betrachten wir die um uns herum auf Reede liegenden Frachtschiffe, als plötzlich ein Pelikan einschwebt, um sich vorne am Bug niederzulassen. Auch der Vogel gehört augenscheinlich zum Team. Für das eine oder andere Leckerli aus dem Eimer bleibt er artig sitzen und lässt sich mit den begeisterten Touristen fotografieren. Fremdenverkehr und Tierwelt sind in der Walvis Bay eine offenbar für beiden Seiten lohnenswerte Symbiose eingegangen.
Das Ziel unseres Ausflugs ist Pelican Point, eine aus Meersand aufgeschwemmte schmale Landzunge, die kilometerweit in den Atlantik ragt. Schon aus der Entfernung erkennen wir den markanten gusseisernen Leuchtturm, der 1932 von den Briten an der Stelle eines älteren Seezeichens aus deutscher Zeit errichtet wurde. Das 34 Meter hohe Bauwerk ist freilich nicht der Grund, warum sich in der Lagune zahlreiche andere Boote versammelt haben und im leichten Wellengang aufgeregt hoch und nieder schaukeln.

Tatsächlich ist Pelican Point Lebensraum für zehntausende Robben, die entweder im Sand der Halbinsel liegen oder im Meer rundherum auf Fischfang gehen. Kennzeichnend für eine solche riesige Kolonie ist die Geräuschkulisse aus chaotischem Bellen, Grunzen und Blöken sowie den klagenden Lauten der immer hungrigen Jungtiere. Inwiefern das Logieren in der im nahegelegenen alten Leuchtturmwärterhaus untergebrachten Luxuslodge angesichts solch lautstarker Nachbarschaft ein Vergnügen ist, bleibt uns vorderhand ein Rätsel.
Eine Seefahrt ist nicht nur lustig, sie macht auch großen Appetit. Während wir den Rückweg antreten, geht man auf unserem Katamaran also daran, den Tisch mit allerlei Köstlichkeiten zu decken: belegte Brötchen, gekochte Eier, Gurken, Hackbällchen, Käsewürfel und Austern. Das ist ein Schmaus, den die Robben glücklicherweise nicht mehr sehen können, sonst würden sie das Boot kapern wie eine Horde ausgehungerter Piraten.

Derweil passieren wir aus nächster Nähe eine riesige Bohrinsel. Wie eine stählerne Festung ragt der Koloss einschüchternd aus dem Wasser. Gespenstisch wirkt das sechsbeinige Konstrukt vor allem dadurch, dass sich keinerlei menschliche Aktivitäten feststellen lassen. Was geschieht darauf? Unwillkürlich denkt man an Ernst Stavro Blofeld, der in „Diamantenfieber“ auf einem solchen Ding sein Hauptquartier eingerichtet hat, bis James Bond den finsteren Plänen des Superschurken ein explosives Ende bereitet.
Indes gedeiht hier das Böse nicht auf Ölplattformen, sondern kommt mit westlichen NGO’s und sogenannter Entwicklungshilfe ins Land. Wie uns der Skipper erzählt, würden vor allem Gelder aus der BRD an die Bedingung geknüpft, die Rechte der weißen Namibier immer weiter einzuschränken und noch die letzten Rudimente deutscher Kultur zu tilgen. Bleiben soll der ahistorische Mythos eines Völkermordes, den die Truppen des Kaisers an der eingeborenen Bevölkerung begangen hätten. Wohl wissend, dass die deutsche Selbstbezichtigung den Fakten nicht standhält, spielen sie in Windhoek gerne mit, denn der Schuldkult ist bares Geld wert — freilich nur für die Nachfahren der mutmaßlichen Opfer.
Gegen Mittag sind wir zurück in Walvis Bay. Es hat zu regnen begonnen. Der Shuttlebus wartet am Hafen. Und wieder bewegt uns die Frage, ob er das nun war, der Höhepunkt unserer Reise. Hoffentlich nicht, denn vor uns liegen noch einige Tage in diesem großartigen Land, das sicher noch manches Abenteuer bereithält.
(Teil 7 folgt in Kürze)
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