Deutsch-Südwestwärts (Teil 4): Im Schatten des Franketurms

“Warum sind Sie nicht angeschnallt?” fragt der schwarze Polizist keineswegs unfreundlich durch das geöffnete Beifahrerfenster unseres Jeeps. Wir sind auf halbem Wege zwischen Otjiwarongo und Omaruru doch tatsächlich in eine Verkehrskontrolle geraten. Ich schaue den feschen Uniformierten vom Rücksitz aus erstaunt an. Der schwitzt kein bisschen trotz der flirrenden Mittagshitze. Seine Frage zielt auf mich und die unter Touristen weit verbreitete Idee, die Gesetze anderer Länder würden für sie nicht gelten oder wären zumindest Auslegungssache.

Der Officer belehrt uns eines Besseren. Wir würden einen Strafzettel bekommen, müssten mit diesem zur nächsten Polizeistation fahren und dort 1000 Namibische Dollar Bußgeld bezahlen. Wo die denn läge, ist unsere nächste Frage. Der Ordnungshüter weist mit dem Arm in die Richtung, aus der wir gekommen sind: “Vierzig Kilometer dort lang.” Für ein Land gut zweieinhalbmal so groß wie das, was von der einstigen Kolonialmacht noch übrig blieb, ist das nur ein Katzensprung. Indes verraten unsere leicht entsetzten Gesichter dem Polizisten, dass wir für ein alternatives Angebot empfänglich wären.

“Sie können mir auch gleich hier 800 Dollar geben und dann ist die Sache erledigt.” Nur einen Strafzettel gäbe es in diesem Fall nicht und wir sollten auch sonst keinem davon erzählen. Erleichtert und ohne groß nachzudenken reiche ich dem Mann einige Geldscheine und schnalle mich demonstrativ an. Später wird mir ein Bure erzählen, dass wir äußerst leichtsinnig gehandelt hätten, denn so mancher Ausländer sei schon im Moment der Geldübergabe sofort verhaftet und wegen Bestechung in den Knast gesteckt worden. Da hatte ich ja nochmal Glück, obwohl der namibische Strafvollzug für afrikanische Verhältnisse als nachgerade vorbildlich gilt.

Während ich im Kopf zum dritten Male umrechne, wieviel ich am Ende nun hatte blechen müssen (40 Euro), geht die Fahrt weiter nach Omaruru. Im Großen und Ganzen besteht die Kreisstadt mit ihren rund 10.000 Einwohnern vor allem aus einer Hauptstraße, an deren beiden Seiten ein bemerkenswert geschlossenes Ensemble von Gebäuden aus der deutschen Ära zu bestaunen ist: mehrere Verwaltungsgebäude, eine Kirche, Wohnhäuser, Werkstätten, Hotels. Wir versuchen es zunächst in einem etwas heruntergekommenen Motel, das jedoch wenig einladend wirkt. Hinter dem Tresen lungert eine junge Weiße mit dem Flair einer Cracknutte. Also fahren wir weiter.

Der “Mecklenburgische Hof” – kein Schnack, Leute, der Laden heißt wirklich so! – ist geschlossen, soll verkauft werden. Dann endlich haben wir Glück. Das Central-Hotel ist freilich mehr als nur eine Herberge, es ist eine Zeitreise. Der Gastraum scheint sich seit den Tagen der deutschen Schutztruppe nicht verändert zu haben. Schweres Mobiliar aus dunklem Holz, ein wuchtiger Tresen – es hat fast den Eindruck, als hätten General von Trothas Mannen das Lokal nur kurz verlassen, um ihre Pferde zu striegeln. An den Wänden historische Fotos und zeittypische Werbeschilder aus Emaille. Über die Hintertür gelangen wir in einen weitläufigen, gartenartigen Hof mit Pool in der Mitte, um den sich die Bungalows gruppieren, in denen wir die kommenden zwei Tage nächtigen wollen.

Direkt neben dem Hotel steht eine Kirche – katholisch laut Schaukasten. So ändern sich die Zeiten. Denn einst wirkte genau hier der protestantische Missionar Gottlieb Viehe und übersetzte die Bibel in die Sprache der Herero. Ein paar hundert Meter weiter ein Supermarkt. Überall sitzen Schwarze auf dem Boden, verkaufen irgendwas oder halten einfach nur einen Plausch. Ein grauhaariger Weißer spaziert am Parkplatz vorüber und winkt ihnen lachend zu. Man spürt keine Feindseligkeit und denkt, so muss es wohl ganz gut funktionieren, das Zusammenleben trotz unterschiedlicher Hautfarben. Und die Hoffnung flammt auf, dass es so bleiben möge. Irgendwo muss es doch klappen. Vielleicht ist Namibia das richtige Land dafür.

Durch Omaruru fließt der gleichnamige Fluss, ein Rivier, wie es hierzulande heißt. Normalerweise, also bei ausreichend Niederschlag. Gerade ist er nicht da und so stehen wir an seinem ausgetrockneten Bett wie weiland Moses vor dem geteilten Roten Meer. Unser Ziel ist der Franketurm, ein zwanzig Meter hohes Monument im Stile eines mittelalterlichen Bergfrieds. Davor eine Krupp-Kanone von 1874. Die sieht bemerkenswert neu aus. Alles gut gepflegt. Hauptmann Victor Franke entsetzte am 4. Februar 1904 nach einem dreiwöchigen Gewaltmarsch mit 100 Mann die deutsche Siedlung Omaruru und beendete damit deren Belagerung durch 3.000 Hereros. Daher der Turm. Wir machen Fotos und wundern uns, dass der hier noch so steht und obendrein als namibisches Nationaldenkmal geführt wird.

Namibia ist mitnichten schwarzweiß. Aber heiß um die Jahreszeit und so schleppen wir uns von dem einstigen Schlachtfeld wieder fort und zurück zum Hotel. Einige schmucke Villen liegen hinter blumenumrankten Mauern leblos dar wie kleine Dornröschenschlösser. Die Zufahrten sind – ungewöhnlich für Namibia – weit offen. Aber ein Hund kläfft. Für Omaruru scheint das zu reichen. Wir passieren eine Tischlerei und können nicht umhin, den Kopf durch die Tür zu stecken. Eine junge Frau empfängt uns. Sie spricht fließend deutsch und erzählt uns von ihrer Familie und dem Leben an diesem Ort. Alles schön? Ja doch, nur ein bisschen einsam und wenig los.

Ach, früher gab es hier mal eine deutsche Schule, berichtet uns später beim Abendessen im Hotel ein anderer Landsmann, der nicht weit weg in einer Diamantenmine als Direktor arbeitet. Die Gebäude, Monumente, Namen … alles nur noch Kulisse, ungefähr so wie die Zeugen einstiger deutscher Anwesenheit in ehemals Ostpreußen. Bei aller vordergründigen Harmonie scheint der weiße Mann mehr und mehr zum Fremdkörper zu werden oder fühlt sich zumindest so. Manche ziehen weg, andere bleiben und finden Trost im Whiskey. Wie die Besitzerin des Central-Hotels. Eine ältere Britin von Hause aus und irgendwie ständig einen in der Krone aber die für solche Leute typische verbissene Härte im Gesicht, mit der ihre Vorfahren sich dieses Land überhaupt erst zu Eigen gemacht und bis heute daran festgehalten haben.

Selbst die Hunde lassen sich nicht so leicht vertreiben. Bella lebt auf dem Erongo Mountain Weingut ein paar Kilometer außerhalb von Omaruru und ist seit der fatalen Begegnung mit einer Speikobra blind. Der kleine Terrier läuft trotzdem auf dem Gelände herum und ist der Liebling von Angestellten wie Gästen gleichermaßen. Wir haben uns zu einer Weinprobe eingefunden und genießen die edlen Tropfen im Glas und den atemberaubenden Ausblick auf die herrliche Landschaft, wie sie sich jenseits der Terrasse vor uns ausbreitet.

Dieses Weingut haben Wolfgang und Esther Koll dem kargen namibischen Boden buchstäblich abgerungen, nachdem sie 2003 Deutschland verließen und 2010 ein erstes Grundstück in der Erongo-Region kauften. Mit 3.500 Olivenbäumen ging es los, dann wechselte man zu Weinreben. Die Geschichte der Koll-Familie ist ein Beispiel für Pioniergeist in der namibischen Wein- und Spirituosenindustrie unter extremen Bedingungen. Sie haben aus Rückschlägen gelernt und ein einzigartiges “Taste of Namibia” geschaffen. Damit steht sie in der Tradition jener mutigen Siedler, von denen die leider längst vergessene ARD-Fernsehserie “Omaruru” aus dem Jahre 1977 mit Walter Giller und Hans Korte in den Hauptrollen erzählt.

Immerhin eine nicht ganz billige Flasche Ondjaba-Whiskey (Ovambo-Wort für “Elefant”) begleitet mich zurück ins Central-Hotel. Der preisgekrönte Tropfen ist der erste original namibische Whiskey. Er wird u. a. aus lokaler Perlhirse (Mahangu) hergestellt, über Elefanten-Dung geräuchert und in eigenen Weinfässern gereift. Ganze drei Tage wird die Flasche reichen. Gott sei Dank sind die Erinnerungen an diesen Ort nicht so flüchtig wie der Whiskey und werden ein Leben lang nicht verblassen.

(Teil 5 folgt in Kürze)

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