Die Luft wird spürbar kühler und feuchter. Der Atlantik kündigt sich an. Unterwegs auf der Nationalstraße B2 passieren wir den Abzweig zur Husab Mine, die rund 60 Kilometer vor Swakopmund weiter südlich liegt. Der riesige Urantagebau wird von der Firma China General Nuclear (CGN) ausgebeutet. Gegenüber befindet sich die Rössingmine, die größte Uranmine der Welt. 1910 fanden Deutsche hier eher zufällig Uran. Das war noch bevor später andere Deutsche die Kernspaltung entdeckten. Heute gehört auch dieser Tagebau zu fast zwei Dritteln einem chinesischen Konzern. Den Rest teilen sich Iran und Südafrika.
Wäre man Zyniker müsste einen das amüsieren. Deutschland beschäftigt sich in Namibia derweil mit der großflächigen Aufstellung mobiler Toilettenhäuschen im Sinne feministischer Außenpolitik — und mit der Tilgung teutonischen Erbes, worauf wir noch zu sprechen kommen. Indes holen andere aus südwestafrikanischem Boden heraus, was sie können, sogar touristisch, denn die Rössingmine darf besichtigt werden.
Endlich kündigen erste Schilder und Häuser das namibische Tor zur Welt an. Swakopmund liegt an der Mündung des Flusses Swakop. Dessen Name wiederum bedeutet in der Eingeborenensprache Khoekhoegowab nichts anderes als „Exkrement-Öffnung“, alldieweil das Gewässer sehr viel Schlamm in den Atlantik trägt. Wir wollen es mal dabei bewenden lassen, denn tatsächlich fällt die 75.000-Einwohner-Stadt, wie übrigens ganz Namibia, von Anfang an durch bemerkenswerte Sauberkeit auf. Verzeihen’s die Polemik, aber man möchte meinen, dass in jeder x-beliebigen Ecke von Berlin mehr Müll herumliegt als in ganz Namibia.

Wie kommt es nur, dass die einstige Kolonie so ganz picobello noch heute gewisse, uns Deutschen zugeschriebene Tugenden in größerem Maße repräsentiert als das frühere Stammland selbst? Oder sind es die Chinesen, die man hier zwar kaum zu sehen bekommt, denen aber vieles gehört? Zum Beispiel der alte Bahnhof von Swakopmund, ein wilhelminisches Schmuckstück, das Investoren aus dem Reich der Mitte in ein Luxushotel verwandelt haben.
Unser Hotel heißt „Rapmund“ und liegt auf einer Anhöhe mit Blick auf den Atlantik. Es wird von Deutschen betrieben mit dem schmackhaften Nebeneffekt, dass es zum Frühstück endlich mal wieder richtige Brötchen gibt. Die wiederum stammen aus der deutschen Bäckerei gleich um die Ecke. Von hier ist im Grunde alles fußläufig erreichbar, was man in Swakopmund gesehen haben sollte und stünden nicht überall Palmen, könnten wir fast glauben, in … sagen wir mal Kühlungsborn zu sein.
In einem kleinen Park, gleich neben dem ehemaligen Kaiserlichen Bezirksamt, steht das deutsche Marine-Denkmal von 1908. Es gedenkt eines Expeditionskorps, das vier Jahre zuvor an der Niederschlagung des Aufstandes der Herero und Nama beteiligt war. Mehr als das steht jenes Monument — wie auch der Franketurm in Omaruru — für einen klugen Umgang Namibias mit der eigenen Geschichte. Es findet sich nach wie vor auf der Nationalen Denkmalliste. Einen Abriss, wie von deutscher Seite nur allzu gerne gesehen, lehnt die Regierung in Windhoek ab.

Über all diese Wirren der Zeitläufe wacht seit 1902 ein schlanker, rotweißer Leuchtturm. Von der Deutschen Schutztruppe erbaut, ist sein Leuchtfeuer noch heute in Betrieb und bis in eine Entfernung von 33 Kilometern zu sehen. Von dort überblickt man das schachbrettartige Straßennetz der Innenstadt, sieht das neubarocke Haus Hohenzollern, das Alte Amtsgericht und den Turm des Woermannhauses weiter südlich.
Letzteres symbolisiert den Traum vieler Europäer der Jahrhundertwende von einem besseren Leben in der Ferne: „Nimm mich mit, Kapitän, auf die Reise. Nimm mich mit in die weite weite Welt.“ Der Reeder Adolph Woermann erfüllte deutschen Auswanderern diesen Wunsch und brachte sie mit seinen Schiffen nach Swakopmund, von wo aus sie die endlose Weite Südwestafrikas zu besiedeln versuchten. Heute ist der weitläufige Fachwerkbau ein Kulturzentrum.

Wer nach so viel Geschichte vor Hunger und Durst fast umkommt, schleppt sich wie wir direktemang ins deutsche Brauhaus. Das wirkt wie eine Außenstelle des städtischen Museums: Preußenadler am Rückbuffet und Kaiserporträt über der Küchentür und rundherum eine Unzahl von Bildern, Fahnen und Mitbringseln aus aller Welt. Namibisches Bier gesellt sich hier zur deftigen Haxe mit Bratkartoffeln und Kraut. Der Wirt kam nicht mit einem von Woermann’s Schiffen, sondern nach dem Mauerfall aus der Oberlausitz hierher. Sein Mut hat sich ausgezahlt — auch für uns.
Satt und zufrieden zurück im Hotel lassen wir nicht nur das Abendessen sacken, sondern auch jede Menge wunderbarer Eindrücke. Es bleibt die Hoffnung, dass für diese Stadt gelten möge, was auch nach 130 Jahren noch im Innenhof des Woermannhauses zu lesen ist: „JEDER LASSE HIER ZWIETRACHT VOR DER TÜR“ und „IN DIESEN MAUERN MÖG EINTRACHT DAUERN“.
(Teil 6 folgt in Kürze)
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