Obwohl denkbar weit entfernt von den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkrieges, fielen die Schatten der Ereignisse in Europa auch auf Namibia. Das vormalige Deutsche Schutzgebiet wurde seit 1915 als Mandatsgebiet Südwestafrika von der Südafrikanischen Union, der heutigen Republik Südafrika, verwaltet. Deren Parlament hatte 1939 mit knapper Mehrheit gegen eine Neutralität und für einen Kriegseintritt an der Seite des Vereinigten Königreichs gestimmt. In der Region lebende Deutsche wurden somit zu feindlichen Ausländern und in immer größerer Zahl in Lagern interniert.
Dieses Schicksal drohte auch Henno Martin und Hermann Korn. Die jungen deutschen Geologen waren 1935 nach Südwestafrika gekommen, um in dem trockenen Land nach Wasservorkommen zu suchen. Als ihnen 1940 die Verhaftung drohte, flohen sie mit einem Lastwagen voller Vorräte, einer Pistole, einer Schrotflinte, 400 Schuss Munition und dem treuen Hund Otto in die Wüste um den Kuiseb-Canyon westlich von Windhoek. Zweieinhalb Jahre führten sie in der lebensfeindlichen Wildnis ein primitives Jägerdasein und hielten sich vor den Einheimischen sowie der Polizei versteckt. Ende 1942 zwang eine Vitaminmangelerkrankung Korns die beiden Freunde dazu, nach Windhoek zurückzukehren. Dort wurden sie nur kurz inhaftiert, da man sie als unpolitisch einstufte und überdies ihrer geologischen Expertise bedurfte.

Als wir rund 86 Jahre später mit unseren beiden Jeeps von Swakopmund her kommend die nämliche Gegend durchfahren, fällt uns die Vorstellung schwer, hier auch nur ein paar Wochen zu überleben. Die felsige Landschaft ist ausgedörrt, karg, spärlich bewachsen – kurzum das komplette Gegenteil jener paradisischen Einsamkeit, in der Robinson Crusoe seine Jahre zubringen musste. Zwar gibt es hier tatsächlich Flüsse, doch sind die ausgetrocknet und ergo kein Trost. Die Straße ist unbefestigt, eine Schotterpiste nur und entspricht somit den Verhältnissen, die Henno Martin und Hermann Korn hier vorfanden.
Überlebenskampf einerseits, grenzenlose Freiheit andererseits. Das scheint nur vordergründig ein Widerspruch, denn wer wahrhaft frei sein will, ist in letzter Konsequenz immer auf sich allein gestellt. Einstweilen sind wir frei von all den Segnungen der modernen Zivilisation, welche anderswo all die Schönheit zerstören, die wir hier gänzlich ungetrübt bewundern können. Die schiere Weite hier, die majestätischen Bergrücken dort und nirgends ein Windrad, nur die staubtrockene Feststellung der Natur, dass der Mensch hier nichts gilt, sich bestenfalls in Demut üben sollte.

Wir passieren den Gamsberg, einen 2.347 Meter hohen Tafelberg aus Granit, dessen riesiges Plateau so wirkt, als hätte ein Riese mit einem glatten Schwerthieb den Gipfel abgeschlagen. Und während wir auf staubigen Passstraßen unseren Weg durch das Hochland suchen, verdunkelt der Himmel sich bedrohlich. Erst graue, dann fast schwarze Wolken ziehen auf, um uns im nächsten Moment einen Sturzregen zu bescheren, wie wir ihn noch eine halbe Stunde zuvor niemals erwartet hätten. Die Scheibenwischer arbeiten auf Hochtouren, die Piste wird immer rutschiger und um uns her schießt das Wasser in reißenden Strömen abwärts. Links der Felshang und rechts der steile Abgrund des Canyons und ein Verkehrsschild, das vor Steinschlägen warnt. Wenn Abenteuer, dann richtig.
Als wir endlich die Höhe erreichen, auf der unsere nächste Herberge steht, ist das Gewitter auch schon wieder vorbei. Vor uns liegt die Hakos Astro Gästefarm. Inmitten der Hakosberge in atemberaubender Einsamkeit gelegen, gilt die Lodge mit ihrer angeschlossenen Sternwarte als ein Eldorado für Hobbyastronomen aus aller Welt. Von sogenannter Lichtverschmutzung ungetrübt kann man in knapp 2.000 Meter Höhe einen Sternenhimmel bewundern wie sonst nur seltenwo.
Die verwinkelte Anlage wurde just zu jener Zeit errichtet als Henno Martin und Hermann Korn sich im für namibische Verhältnisse nahen Kuiseb-Canyon versteckt hielten. Heute führt die deutschstämmige Familie Straube die völlig autarke Farm zusammen mit einigen schwarzen Angestellten, von denen vor allem die Köchin eine Koryphäe ihres Faches ist. Die herrliche Höhenluft macht freilich hungrig. Abends sitzen wir mit den Gastgebern und weiteren Besuchern um zwei große runde Tische und laben uns an Antilopengulasch. Das Tier hat der Sohn des Hauses selbst erlegt, wie er uns stolz berichtet, allerdings nicht ohne ein paar Blessuren durch den Rückstoß des Gewehres im offenen Jeep. Der Schokoladenkuchen zum Dessert war da weniger gefahrvoll zu haben.

Anderntags noch ein schlichtes aber wohlschmeckendes Frühstück und schon geht es weiter in Richtung Windhoek. Das Ende unserer Reise kommt näher. Doch eine Station erwartet uns noch, bevor wir in die namibische Hauptstadt zurückkehren. Zwischen Hakosbergen und Kupferberg-Pass fahren wir auf einer recht bequemen Schotterpiste durch das Khomas Hochland mit seiner savannenartigen Vegetation. Die Berge haben sich an den Horizont zurückgezogen. Hin und wieder entdecken wir Paviangruppen, die wie Spähtrupps die Straße im Auge zu behalten scheinen. Dann erreichen wir das Tor zur Steinheim-Lodge.
Das weitläufige Farmgelände zu durchqueren, um darin die uns zugedachte Unterkunft zu finden, gestaltet sich nicht gar so einfach. An der Laterne links abbiegen und beim Wassertank rechts. Unterkunft wäre auch untertrieben, denn tatsächlich parken wir sieben Abenteurer unsere Fahrzeuge vor einer Art Villa, die auf einer Anhöhe gelegen zu drei Seiten hin weit in die Landschaft schaut. Ein riesiger Wohnraum mit Kamin und Kochzeile bildet das Zentrum des äußerlich unscheinbaren Gebäudes. Zu beiden Seiten liegen die Schlafzimmer mit riesigen Panoramafenstern sowie die Bäder. Auf der rückwärtigen Terrasse mit Pool lässt es sich ganz vortrefflich in der Sonne liegen und den Blick gefühlt fünfzig Kilometer in die Ferne schweifen, wo sich die Hakosberge erheben.

Jacques Steenkamp ist der ausgesprochen nette Eigentümer und bringt uns persönlich am frühen Abend fünf Kilo frisches Oryxfleisch vorbei. Lediglich umgerechnet 89 Euro müssen wir dafür berappen. Noch während das Wildbret auf dem Grill liegt, bedauern wir, nur eine Nacht an diesem großartigen Ort verweilen zu können. Umso schwerer fällt uns der Gang ins Bett, den wir mit namibischem Bier und irischem Whiskey immer weiter hinauszögern. Unsere Terrasse wird von der Feuerschale erleuchtet und manches Geräusch aus der Tiefe der Nacht führt zu der Befürchtung, wir könnten am Ende noch Besuch von Pavianen, gar einem Leoparden oder wenigstens einer Schlange bekommen. Die Schwarze Mamba ist nirgends zu entdecken aber dennoch allgegenwärtig. Ihr Reich beginnt wenige Schritte hinter dem Pool.
Am nächsten Morgen heißt es schweren Herzens Abschied nehmen von der Steinheim-Lodge und in die letzte Etappe bis Windhoek starten. Andererseits sind Abenteuer meist auch nur deshalb schön, weil sie irgendwann ein Ende haben.
(Teil 8 folgt in Kürze)
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