Deutsch-Südwestwärts (Teil 2): Am schönen Platz der fetten Rinder

Jutta sah sich selbst als durchaus tolerante Frau. Die sieben Herren aus Mecklenburg waren ihr bereits im Flugzeug von München nach Windhoek über den Weg gelaufen. Zunächst hielt sie die Truppe für einen etwas übertriebenen Junggesellenabschied, wurde dann aber schnell aufgeklärt. Das politisch etwas inkorrekte Gerede um sich herum ertrug Jutta tapfer. Sie hatte schließlich ein Ziel.

Jahrelang hatte sie ein schwarzes Kind in Namibia über eine dieser Hilfsorganisationen unterstützt. Nun wollte sie die Früchte ihres schlechten Gewissens gegenüber der einstigen deutschen Kolonie mit eigenen Augen sehen. Das Kind war herangewachsen und ging inzwischen zur Schule. Der Koffer war voller Geschenke und Jutta sehr aufgeregt. Was würde sie erwarten?

Zunächst einmal wurde ihre Toleranz ein weiteres Mal auf die Probe gestellt. Konnte das wahr sein? So sah man sich wieder. Im Cest Si Bon Hotel in Otjiwarongo, dem regionalen Verwaltungssitz auf halbem Wege zwischen Windhoek und dem Etoscha-Nationalpark. Da saßen wir am Pool mit einem kühlen Bier in der Hand und sahen diese ältere Frau auf uns zukommen. Sie schlürfte einen alkoholfreien Cocktail. Ob wir uns noch an sie erinnern würden. Aus dem Flieger. Sie hätte direkt hinter uns und neben Frank gesessen. Ja gibt’s denn sowas? Und der Schnarcher ist auch da.

Jutta hatte schon einiges erlebt. Auf dem Weg vom Flughafen nach Windhoek waren sie und zwei andere Deutsche in eine Art Hinterhalt geraten und ausgeraubt worden. Dabei habe man nur helfen wollen. Ob sie nicht die Ansprache der Sicherheitsbeamtin bei der Einreisekontrolle gehört habe, wollten wir wissen. Die war schließlich deutlich: “Helfen Sie niemand auf der Straße. Das könnte eine Falle sein. Bleiben Sie im Auto und fahren Sie einfach weiter. Sie sind hier in Namibia, um Urlaub zu machen und nicht, um zu helfen!” Punkt.

Doch wenn das schlechte Gewissen größer ist als alle Warnungen, muss man halt aus Erfahrungen lernen. Schmerzhaft aber wirkungsvoll. Das musste indessen auch Jutta eingestehen. Immerhin sind Pass und Geldbörse wieder aufgetaucht. Letztere natürlich leer. Was soll’s? Die armen Menschen werden es gut brauchen können, das Geld der privilegierten weißen Frau aus Hamburg. Die Not ist groß und sie erblich bedingt mit Schuld daran. Wenn sie schon keine Benin-Bronzen im Gepäck hat, will sie über so ein bisserl Geld nicht jammern.

Unsere Geschichtsbewältigung geht anders. Das strohgedeckte Ensemble der Hotelanlage versinkt in der Nacht. Der Pool schimmert blau und die Zikaden summen unaufhörlich. Die Bar gehört uns und kaum, dass Jutta und die anderen Touristen in ihren Bungalows verschwunden sind, gesellt sich das einheimische Personal dazu und wir lassen es richtig krachen. Die schwarze Kellnerin Antonia Heinrich bringt Bier, Wein und Wodka heran und zwischendurch stoßen wir an und trinken Brüderschaft. Sollen die anderen von Hereroaufständen und Lettow-Vorbeck träumen – wir erfreuen uns lieber an Gegenwart und Zukunft.

Die sieht für jeden anders aus. Für Antonia und ihre Kolleginnen, die am nächsten Morgen die Bungalows putzen, wäre es wohl der Traum schlechthin, von einem der Urlauber mit nach Deutschland genommen zu werden. Es wird ein Traum bleiben, und das ist auch besser so. Der österreichische Schriftsteller Karl Heinrich Waggerl hatte ja recht mit seinem Appell: “Jeder möchte die Welt verbessern und jeder könnte es auch, wenn er nur daheim bei sich selber anfangen wollte.”

Freilich ist der “schöne Platz der fetten Rinder”, was Otjiwarongo in der Sprache der Herero bedeutet, schon vom Namen her kein so übler Ort. Der hat knapp 50.000 Einwohner und ist wie alle namibischen Städte extrem sauber und ordentlich. Preußisch im besten Sinne. Es gibt Kirchen, Schulen, Kultureinrichtungen und ein Einkaufszentrum mit einem riesigen Supermarkt. Und erst unlängst beglückte eine deutsche NGO die Gegend mit 600 Trockentoiletten. Man staunt nicht schlecht. Vielleicht folgen ja bald auch Fahrradwege.

So vierhundert Meter weiter halten wir mit unseren beiden Jeeps vor einer Sehenswürdigkeit, die uns auch von der guten Jutta wärmstens empfohlen wurde: die älteste Krokodilfarm Namibias. Herr Kalunga führt uns übers Gelände, präsentiert mit ausladender Geste die Abteilungen für die verschiedenen Altersgruppen. Ein großer Teich mit einer Insel in der Mitte ist nur vordergründig ein Paradies für die ausgewachsenen Reptilien. Dick und faul liegen sie in der Sonne oder treiben durchs grünliche Wasser. Ihr Schicksal erfüllt sich schließlich als Carpaccio im angeschlossenen Restaurant und Gürtel oder Portemonnaie im Souvenirshop.

Doch weiter geht’s. Nach Norden. Vorbei am Bahnhof, vor dem noch die alte Henschel-Lokomotive steht aus jenen Tagen, da die Deutschen mit der Otavibahn den Norden des Landes erschlossen. Das Gleis verliert sich in der flirrenden Mittagshitze. Ein paar Wellblechhütten noch links und rechts der Straße und unsere Gedanken wenden sich endgültig der Frage zu, wo wir die kommende Nacht verbringen werden.

(Teil 3 folgt in Kürze)

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