Wem Gott will rechte Gunst erweisen / Den schickt er in die weite Welt / Dem will er seine Wunder weisen / In Berg und Wald und Strom und Feld.
Also dichtet Joseph von Eichendorff in seiner Novelle “Aus dem Leben eines Taugenichts” über einen jungen Mann, dem die Heimat zu eng wird. Von seinem Vater fortgeschickt, zieht er durch die “weite Welt” auf der Suche nach Selbstfindung und -verwirklichung. Der Ausbruch lohnt sich für den Müllerssohn tatsächlich. Am Ende wartet das Glück.
Eichendorffs Plot mag etwas weltfremd daherkommen und ist doch eine der schönsten Schöpfungen der deutschen Romantik, die ausgerechnet von der DEFA 1973 mit Dean Reed in der Hauptrolle verfilmt wurde. Nun erwies Gott den allermeisten DDR-Bürgern keineswegs die Gunst einer Betrachtung seiner Wunder in der weiten Welt, insofern diese im Nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet zu finden waren.
Wer aus jener Zeit erinnert sich nicht an wehmütige Stunden vor dem Fernsehgerät, wenn Heinz Sielmann oder Bernhard Grzimek im Westprogramm von ihren Expeditionen durch Afrika berichteten? Man sah die Bilder von Savanne, Wüste und Dschungel, hörte die Elefanten trompeten und amüsierte sich über die Affen – und wusste, dass man derlei niemals in der Realität würde sehen können.

Schön drum, wenn man das Staunen nicht verlernt hat und sich ein bisserl verschämt die Rührung aus dem Auge wischt angelegentlich der Tatsache, mit einem Taxi vom Flughafen kommend in die namibische Hauptstadt Windhoek hineinzufahren. Da sind wir nun. Wer hätte das je gedacht? Man war ja schon so hier und dort. Doch Südwestafrika ist etwas Besonderes. Da staunen die Leute schon und gucken ein bisserl ungläubig, wenn man davon erzählt. Wie nach meiner Rückkehr aus Tschetschenien oder dem Iran. Sie leben noch?
Es ist gar seltsam. Da fliegt man von Berlin via München einen halben Tag fast 9.000 Kilometer über den Äquator hinweg zum Wendekreis des Steinbocks hinunter, nur um am Ende wieder in einem erstaunlich deutschen Land anzukommen. Der Taxifahrer heißt Hermann – und grinst schelmisch, als wir uns darüber erheitern. Am Hotel hängt das Schild “Thüringer Hof” und gleich schräg gegenüber liegt das Gebäude der Kaiserlichen Landesvermessung in der Moltke-Straße.
An den namensgebenden Teil des Altreichs erinnert in unserer Herberge nicht viel. Immerhin ist der baumbestandene Innenhof mit seinem leise plätschernden Brünnlein so schattig und angenehm kühl wie das Vessertal am Rennsteig im Hochsommer. Auch das Windhoek-Bier steht mitteldeutscher Braukunst in nichts nach. Serviert wird es je nach Schicht entweder von Alma oder Johannes, die uns mit schüchterner Neugierde umkreisen, während wir es auch noch am folgenden Tage erstaunlich finden, dass junge Schwarze hierzulande mit einer solchen Selbstverständlichkeit deutsche Vornamen tragen.

Hermann, Alma, Johannes oder Franz (der Barmann in Joe’s Bierhaus) zeigen einen ausgesprochen unbefangenen Umgang mit jener kurzen aber ungemein prägenden Zeit, da über Südwestafrika als deutschem Schutzgebiet die kaiserliche Flagge wehte. “Wer ist denn heute die Kolonie?” wird uns später ein stolzer Namibier aus Ovamboland fragen. “Früher haben wir nach Deutschland gezahlt, heute zahlt ihr an uns.”
Nun ja, der deutsche Traum vom Platz an der afrikanischen Sonne war die ganzen 31 Jahre seit 1884 ein fiasköses Minusgeschäft. Bismarck war von Anfang an dagegen. Immerhin verfügen die Eingeborenen und deren verbliebene europäische Mitbewohner seither über ein Eisenbahn- und Straßennetz sowie ein paar schmucke Örtchen mit Hotel, Amtsgericht und Bahnhof. Was kann man überdies nicht alles machen mit den 1,1 Milliarden Euro, die ein schuldtrunkenes Deutschland den Namibiern jüngst für die kommenden dreißig Jahre zugesagt hat?
87 Prozent der schwarzen Namibier waren dagegen, als das deutsche Reiterdenkmal vor wenigen Jahren aus dem öffentlichen Raum Windhoeks verbannt wurde. Geld und politischer Druck aus Berlin erwiesen sich als wirkungsvoller – in diesem Fall. Dessen ungeachtet präsentieren die jungen Namibier stolz ihre deutschen Vornamen und amüsieren sich darüber, wenn wir durchkonditionierten Europäer nach jedem Satz beinahe zwanghaft prüfen, ob unsere Äußerung auch politisch korrekt war. Darf man das denn sagen?

Während Alma mit ihrem scheuen Lächeln am Sonntagmorgen das Spiegelei serviert, wundere ich mich über festlich gekleidete Menschen, die mit ernsten Gesichtern das Atrium des Thüringer Hofes durchqueren. Sie alle verschwinden in einem Saal des Hotels, aus dem bald der typische Klang schwarzafrikanischer Gospelmusik ertönt. Tatsächlich trifft sich unweit von unserem Frühstücksbuffet eine Pfingstgemeinde zu ihrem Gottesdienst. Alma und ihre Kollegen müssen mehr Stühle herbeischaffen. Es ist rappelvoll wie in einem Bienenstock.
Als Thomas, ein junger Schwarzer aus dem Süden, uns spät abends mit seinem klapprigen Taxi vom Restaurant abholt, erzählt er stolz von seinem Kirchenbesuch am Morgen. Am Rückspiegel baumelt ein Rosenkranz. Glauben scheint hier von allem etwas. Bei so vielen Identitäten vielleicht ein Erfolgsrezept für dieses eigenartige Land und seine Zukunft. Wir werden sehen.
(Teil 2 folgt in Kürze)
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