Von Khartum nach Kabul – Das Desaster am Hindukusch und der Niedergang des Westens

Nein, er würde nicht aus der belagerten Hauptstadt fliehen. “Ich bin den Menschen hier in Ehre verpflichtet”, hatte der oberste Repräsentant des Westens in jener Region seinen Vorgesetzten in Europa mitgeteilt. Möglich war das ohnehin nicht mehr, denn die Islamisten hatten den Belagerungsring längst geschlossen. Vielleicht könnte ein Mann allein noch irgendwie entrinnen, aber nicht die vielen tausend Menschen, welche angesichts des nachgerade unvermeidbaren Sieges der Kämpfer Mohammeds um ihr Leben fürchteten.

Die Loyalität des Generalgouverneurs gegenüber den ihm anvertrauten Einheimischen und seine Standfestigkeit trotz Rückzugsbefehls bewirkten im Machtzentrum des Westens indes ein Umdenken. Die Öffentlichkeit forderte militärische Hilfe für die Bedrängten, drohte sogar mit dem Sturz der Regierung. Also schickte man eine Entsatzarmee in das ferne Land, um die Gotteskrieger doch noch zu besiegen. Zu spät. Bürokratisches Durcheinander verzögerte den Abmarsch um zwei Monate und ließ die Operation scheitern. Schließlich fiel die Hauptstadt der Wüstenregion den islamistischen Rebellen in die Hände.

Die Rede ist nicht von Kabul in Afghanistan Mitte August 2021, sondern von Khartum, der Hauptstadt des Sudan Ende Januar 1885. Der Westen, seinerzeit in Gestalt des britischen Empire, muss sich nicht zum ersten Mal mit islamischen Fanatikern herumschlagen. Nur scheint er daraus nichts gelernt zu haben. In den frühen 1880er Jahren drohte der Sudan (und von dort aus potentiell auch Ägypten) unter die Herrschaft des selbsternannten Mahdi Muhammad Ahmad zu fallen, der die Schwäche des Osmanischen Reiches einerseits sowie die Konkurrenz zwischen Frankreich und Großbritannien andererseits ausnutzte, um in Nordafrika einen islamischen Gottesstaat zu errichten.

Auch damals war die Welt im Umbruch. Das britische Weltreich litt in gewisser Weise unter einem “Imperial Overstretch”, einer Überdehnung vor allem seiner militärischen Ressourcen. Der Niedergang des Osmanischen Reiches rief indes Russland auf den Plan, für dessen Herrscher Konstantinopel nach wie vor als Zweites Rom und Wiege des orthodoxen Christentums galt. Ferner gelüstete es das Zarenreich nach der Vorherrschaft in Zentralasien, wozu eben auch Afghanistan gehört. Jene Begehrlichkeiten wiederum tangierten die globalen machtpolitischen Interessen Londons, das sich im “Great Game” nicht den Schneid abkaufen lassen wollte.

Sudan geriet in dieser Gemengelage aus dem Fokus und wurde 1883 schließlich zugunsten des strategisch und wirtschaftlich bedeutenderen Ägypten vom Westen aufgegeben. In diese Lücke stießen die sogenannten Madhisten – die Taliban jener Epoche – eroberten Khartum, meuchelten den britischen Generalgouverneur Charles Gordon sowie die zurückgelassene Bevölkerung und errichteten vom gegenüberliegenden Nilufer aus das Kalifat von Omdurman. Der durchaus schmähliche Fall der Hauptstadt des Sudan und das Massaker der Gotteskrieger an allen Einheimischen, die mit den osmanischen Vizekönigen in Ägypten bzw. mit den Briten kollaboriert hatten, löste in Europa einen Schock aus, zumal “Gordon Pascha” daselbst als großer Held galt. Überdies war der “Mahdi-Aufstand” die durchaus erste erfolgreiche Erhebung gegen eine Kolonialmacht in Afrika, auch wenn es dabei weniger um Freiheit ging als vielmehr um religiös konnotierte Ziele, mithin die Schaffung eines muslimischen Gottesstaates.

Selbst der gute Karl May ließ im zweiten Band der Reiseerzählung “Im Lande des Mahdi” seinen Protagonisten Kara Ben Nemsi den Sklavenhändler Abd Asl fragen: “Du willst die Erde erobern und die Christen vernichten? Du willst die unvollendete Sendung des Propheten vollenden und das Schwert des Islam von einem Ende der Welt zum anderen tragen?” Worauf dieser entgegnete: „Spotte nicht, denn es könnte dir schlecht bekommen. Ich bin vom Geist erleuchtet und weiß alle Dinge.”

Die heutigen Staatenlenker, Medienschaffenden und sonstigen Verantwortungsträger des Westens sind ganz offenkundig weder vom Geist erleuchtet, noch wissen sie alle Dinge. Letzteres scheint auch etwas arg viel verlangt. Freilich wäre das Desaster von Kabul zumindest erahnbar gewesen für den, welcher sich zur rechten Zeit der Aneignung einer soliden historischen Bildung befleißigt hätte. Zwar wiederholt sich die Geschichte nicht, doch sollte aus vergangenen Erfahrungen lernen, wer die Fehler von einst nicht erneut durchlaufen will. Derlei Aussagen freilich sind Binsenweisheiten aus dem Abreißkalender und werden in Deutschland stets bemüht, wenn es um das Dritte Reich geht, spielen merkwürdigerweise aber keine Rolle in Bezug auf den Rest der eigenen wie der Weltgeschichte.

Andernfalls hätte man wissen müssen, dass die Sicherheit Deutschlands keineswegs am Hindukusch verteidigt wird (Peter Struck, SPD, 2001) und es dem Westen noch nie gelang, den zentralasiatischen Raum dauerhaft unter seine Kontrolle zu bringen. Die NATO hat in Afghanistan genauso wenig zu suchen wie ehedem die Osmanen und dann die Briten im Sudan oder sonstwo auf der Welt spätere Hegemonialmächte unterschiedlicher Couleur. Mit welchem Recht auch? Gerade wer die Islamisierung des Westens ablehnt, sollte ebenso die “Wessifizierung” ferner Länder wie Afghanistan ablehnen. Es ist an den Menschen dort, ihren Weg zu finden und nicht Sache von Kanzlerin Merkel und anderen neokolonialistischen Weltverbesserern angesichts des Falls von Kabul zu bedauern, dass es nicht gelungen sei, in Afghanistan die Demokratie einzuführen. Diese unfassbare Arroganz verdient nichts anderes als einen Sieg der Taliban.

Was bleibt? Vor wenigen Monaten wurde ich verspottet, als ich im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern ein angemessenes Gedenken für die bei Auslandseinsätzen gefallenen Soldaten der Bundeswehr forderte. Selbst die AfD-Fraktion mochte meine Initiative nicht wirklich unterstützen. Das bleibt ein Jammer. Drei Dutzend deutsche Soldaten ließen am Hindukusch ihr Leben. Insgesamt fielen mehr als 3.600 Militärangehörige der westlichen Allianz. Hinzu kommen zehntausende afghanische Zivilisten. Von Geld wollen wir gar nicht reden. Alles war umsonst, vergeblich, fürn Arsch. Und das nicht erst seit gestern, sondern von Beginn an. Zu den vom Westen zu verantwortenden “Failed States” (gescheiterte Staaten) wie Libyen und der Irak wird sich einstweilen also endgültig auch Afghanistan gesellen. Das wird so lange so bleiben, wie die Menschen dort gewillt sind, unter derlei Umständen ihr Dasein zu fristen, freilich ohne das ein Ausweg nach Europa unbegrenzt offensteht.

So wie der Fall von Khartum vor 136 Jahren zumindest weitsichtigen Zeitgenossen als Menetekel galt für den Niedergang der britischen Weltherrschaft und die Unverwundbarkeit des Empire vor aller Augen infrage stellte, so ist der Fall von Kabul ein weiteres sicheres Anzeichen für den bereits in vollem Gange befindlichen Zerfall der westlichen Zivilisation in toto. Das dazu passende politische Personal wird in wenigen Wochen von den Bewohnern der Bundesrepublik erneut gewählt und sich fürderhin als legitimiert erachten, den Versuch einer Umgestaltung Afghanistans nach westlichem Bilde in Deutschland selbst fortzusetzen. US-Präsident Joe Biden erinnerte zwar an den früheren Informationsminister Saddam Husseins, Muhammad as-Sahhaf (“Comical Ali”), wie er den Sieg über die Taliban noch verkündete als jene längst vor Kabul standen, aber so blöd, den Preis für ihr zwei Jahrzehnte währendes Abenteuer in den zentralasiatischen Bergen selbst zu bezahlen, sind die Amerikaner dann doch nicht. Das wird an den Europäern, speziell an den Deutschen hängen bleiben.

Der Sieg der Taliban wird China nützen und den Einfluss Pekings in der Region weiter stärken. Schon jetzt ist das Reich der Mitte im benachbarten Pakistan äußerst aktiv und treibt seine Road-and-Belt-Initiative (“Neue Seidenstraße”) mit großer Energie zügig voran. Der Westen und hier vor allem die Europäische Union haben dem absolut nichts entgegenzusetzen. Im Gegenteil! Die Flutung des Westens mit afghanischen Drogen – immerhin die Haupteinnahmequelle der Taliban – dürfte von Peking aus als späte Rache für den Opiumkrieg und dessen verheerende Folgen für China mit einigem Wohlwollen betrachtet werden. Den USA bleibt vorderhand nur die Hoffnung, dass eine Ausbreitung des Steinzeitislam in der Region die Südostflanke Russlands in Unruhe sowie politische Instabiltät versetzen könnte. Eine Schwächung der Sowjetunion und dann Russlands war schließlich der Hauptgrund für die lange Zeit gezielte und ausgesprochen üppige Förderung der Taliban durch die Vereinigten Staaten.

Bemerkenswert scheint mir indes das seltsame Schweigen der AfD zu den Vorgängen in Afghanistan. Zumindest bis zur Fertigstellung dieses Beitrages war von den Führungsfiguren der größten Oppositionskraft im Bundestag nichts Wegweisendes zu vernehmen. Fakt ist, dass die AfD über keine langfristige außenpolitische Vision oder gar Strategie verfügt, die im Falle einer Regierungsübernahme umgesetzt würde. Über eine generelle Ablehnung des Islam, eine diffuse Sympathie für Russland bei gleichzeitiger Sinophobie und einer Antipathie gegen die USA, zumindest solange kein Donald Trump im Weißen Haus sitzt, reicht es nicht hinaus. Selbst das beschreibt die erschreckend einfallslose außerdeutsche Ideenwelt der AfD nur unzureichend, angesichts der frappierenden Unterschiede in Ost- und Westpartei.

Fast hat es den Anschein, der AfD würde ein neuerlicher Flüchtlingsstrom als Folge des gescheiterten Feldversuchs einer “Demokratisierung” Afghanistans ganz gut in den Kram passen, denn im laufenden Bundestagswahlkampf hat die Partei noch immer kein zündendes Thema gefunden. Obwohl Coronakrise, geradezu erbarmungswürdige Kanzlerkandidaten der Blockparteien sowie eine nicht enden wollende Kette von politischen Fehlern und Blamagen seitens ihrer Gegner der AfD eine Steilvorlage nach der anderen liefern, gelingt den Blauen kein wirklich formidabler Durchbruch.

Vielleicht ist es tatsächlich an der Zeit, Oswald Spenglers “Untergang des Abendlandes” endlich einmal zu lesen.

Gerne kann dieser Beitrag kommentiert werden. Nutzt dazu bitte die Kommentarfunktion.

Teilen Sie diesen Beitrag:

2 Kommentare zu „Von Khartum nach Kabul – Das Desaster am Hindukusch und der Niedergang des Westens“

  1. Wie immer vorzüglich abgeleitet, die Welt ist unbelehrbar, selbst wenn Köpfe im Dutzend ueber das Plaster der Stadt der reichen Pfeffersaecke, manche sagen auch Hamburg, Rollen. Sagt das Rot grüne Hamburg: Islam ist Frieden

    1. Holger gutknecht

      Seit geraumer Zeit bin ich Mitglied in meiner AfD. Bin enttäuscht von den “Führungskräften ” die im Reichstagsgebäude oder Brüssel sitzen. Einfallslos, Ideenlos und verantwortlich für diverse Spendenaffären. Warum zahlt unsere Partei die Strafen und nicht der Meuthen oder die Alice? Unsere Partei ist zur Zeit so spannend wie die FDP.🤑🤮

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.