Von Professoren und Telefonbüchern

Neulich ging es bei uns zuhause um die Frage, ob wir eine bestimmte Grünpflanze wegwerfen oder ihr noch eine Chance geben sollten. Der Topf mit dem unansehnlichen Gewächs wurde von allen Seiten betrachtet, akribisch beschaut, ob da noch ein Spross zu entdecken wäre, der den weiteren Erhalt rechtfertige. Derzeit geht es vielen freiheitlichen Patrioten in Deutschland kaum anders mit der AfD. Die Partei ist allenthalben in einem wenig erfreulichen Zustand. Macht- und Flügelkämpfe lähmen die selbsternannte Alternative ebenso wie eklatante Versäumnisse der zurückliegenden Jahre.

Bis heute hat die AfD es nicht geschafft, eine schlagkräftige Jugendbewegung aufzubauen sowie in den vorpolitischen, sogenannten zivilgesellschaftlichen Raum auszugreifen. In Ermangelung ernstzunehmender rechter Denkfabriken – vom Rittergut Schnellroda einmal abgesehen – ist auch niemand da, um den Protagonisten der AfD theoretisches Handwerkszeug zu liefern und vor allem das Wissen darum, wie man eine Gesellschaft erfolgreich umkrempelt. Ergo folgt die Partei noch immer keinem klaren weltanschaulichen Konzept, ist erkennbar nicht dabei, eine für die breiten Massen verlockend erscheinende Zukunftsvision von einem alternativen Deutschland umzusetzen. Ihre Stärke resultiert leider zu häufig aus der Schwäche und vielerorts erbärmlichen Performance der Blockparteien.

Also betrachtet man die AfD von allen Seiten, sucht nach etwas, das Hoffnung weckt und landet dieser Tage nachgerade zwangsläufig in Sachsen-Anhalt. Dort sehen die Auguren bei der Landtagswahl ein Kopf-an-Kopf-Rennen von CDU und AfD und letztere sich selbst bereits mit einem Bein im Magdeburger Palais am Fürstenwall, der imposanten Staatskanzlei aus wilhelminischer Zeit, welches auf illustre Bewohner wie Paul von Hindenburg zurückblicken kann. Von derlei Triumphen kann die AfD im benachbarten Mecklenburg-Vorpommern einstweilen nur träumen. Der Landesverband ist zerrüttet. Zahlreiche Vorstände sind in jüngster Zeit aus unterschiedlichen Gründen zurück- und vormals engagierte Mitglieder ausgetreten. An der dahinschmelzenden Basis rumort es über den Führungsstil des verbliebenen Parteisprechers Leif-Erik Holm, dem nicht wenige vorwerfen, er sei nur mit der eigenen Macht- und Karrieresicherung beschäftigt, habe ansonsten aber einen Zustand der Stagnation und inneren Erstarrung zu verantworten.

Von der wachsenden Insubordination des Parteivolks genervt – Holm selbst und seine engsten Gefolgsleute mussten zwecks Machtsicherung immer öfter auf allerlei machiavellistische Tricks zurückgreifen – wollte der frühere Radiomoderator endlich mal wieder einen Coup landen, einen Erfolg vorweisen. Und so wurde vor einigen Wochen die Regionalpresse mit großem Bohai nach Schwerin in die Sichtweite des Schlosses geladen, um der Weltöffentlichkeit eine Sensation zur Kenntnis zu bringen. Eine prominente Persönlichkeit habe sich der AfD angeschlossen und wolle im Herbst für sie in den Landtag einziehen. Dem Hut entstieg Hans-Jürgen Wendel, Philosoph, Professor Doktor, vor einigen Jahren noch … also bis 2006, um genau zu sein, der 904. Rektor der Universität Rostock. Der Mann stand neben Holm am Seeufer wie eben von der Entenjagd gekommen, mit zerzaustem Haar und Barbourjacke, wirkte eher wie ein Statist. Wegweisende Äußerungen hatte er dann auch nicht zu bieten, musste er ja gar nicht, denn die Hauptperson war tatsächlich ein anderer, nämlich der Bundestagsabgeordnete Holm. Strahlend wie ein Honigkuchenpferd diktierte er den Presseleuten, einmal mehr sei deutlich geworden, dass die AfD sogar prominente Vertreter des Establishments für sich zu gewinnen vermag. Bei jenen, die des Glanzes anderer bedürfen, wurden wehmütige Erinnerungen wach an die gloriose Ära der Professorenpartei mit bildungsbürgerlichen Lichtgestalten namens Bernd Lucke, Hans-Olaf Henkel oder Joachim Starbatty.

Von dem legendären US-amerikanischen Journalisten William F. Buckley stammt die Äußerung, er würde lieber die ersten 2.000 Menschen im Telefonbuch von Boston mit der Regierung des Landes betrauen als die 2.000 Professoren der Harvard-Universität. Dieses provozierende Aperçu behauptet tatsächlich, dass normale Durchschnittsbürger über mehr Befähigung zur erfolgreichen politischen Arbeit verfügen als die intellektuellen Eliten in den Hochschulen. An den Herausforderungen des täglichen Lebens geschulter gesunder Menschenverstand hier, akademischer Elfenbeinturm hoch über den Niederungen gewöhnlicher Verrichtungen dort. Freilich ist Buckleys Abneigung gegen Intellektuelle in der Politik ein nettes Thema für lebhafte Diskussionen aber am Ende doch etwas arg pauschalisierend. Eine gesunde Demokratie lebt von einer Mischung aus vielerlei beruflichen Hintergründen. Dem steht leider allenthalben eine unaufhaltsame Oligarchisierungstendenz entgegen.

Im Falle des vormaligen Rektors der Rostocker Alma Mater hätte Holm vielleicht doch besser das Telefonbuch bemüht. Zwar ließ Wendel sich bald nach dem Presseauftritt in Schwerin zum Direktkandidaten für die Landtagswahl im September küren, trat davon jedoch alsbald wieder zurück – dem Vernehmen nach, weil ihm ein aussichtsreicher Platz auf der AfD-Landesliste verwehrt blieb. Was für eine erbärmliche Haltung! Ich kenne zahlreiche Parteimitglieder, die sich als Direktkandidaten haben aufstellen lassen, keinen vielversprechenden Listenplatz ergattern konnten und trotzdem nicht im Traum daran dächten, den Bettel einfach hinzuwerfen. Es sind die Leute, die Buckley meinte, als er darüber sprach, wem er sein Land lieber anvertrauen würde. Es sind Leute, die sagen: Ich habe vielleicht keine Chance, aber ich werde alles dafür tun, es unseren Gegnern so schwer wie möglich zu machen. Wunder geschehen nach meiner Erfahrung ohnehin immer dann, wenn man selbst alles getan hat, was in der eigenen Kraft liegt.

Leider haben es die Leute aus dem Telefonbuch auch in der AfD zusehends schwerer. Viele von ihnen wurden und werden geopfert, vergrault, vertrieben, um des so kurzen wie trügerischen Glanzes von möglicherweise prominenten aber im Grunde doch wenig verlässlichen Figuren wie dieses Philosophieprofessors willen. Deren Stolz und Eitelkeit macht sie ungeeignet für die Stürme und Anfechtungen, welchen heutzutage jeder ausgesetzt ist, der sich dem offenen Widerstand gegen die herrschenden Mächte verschrieben hat. Für Leif-Erik Holm ist der Vorfall eine weitere Demütigung, die er mit einer bizarren Ausflucht zu übertünchen sucht. Der Herr Professor Doktor Wendel wolle sich lieber einigen „wissenschaftlichen Großprojekten“ widmen. Welche das konkret sein sollen, erfährt die geneigte Öffentlichkeit freilich nicht. Doch Hand aufs Herz: Welches größere Projekt kann es denn geben, als unser Vaterland und unser aller Freiheit zu retten?

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