Das Ende der Schubladen – Zur Demonstration in Berlin am 18.11.2020

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Wenn die Herrschenden vor einem Angst haben, dann davor, dass wir die uns zugewiesenen Schubladen verlassen und uns auf das besinnen, was uns eint, nämlich der Wunsch, als ein Volk in einem freien und demokratischen Land zu leben. Genau dafür könnten die Corona-Proteste dieser Tage ein Fanal gewesen sein.

Nachdem ich gestern gute 24 Stunden auf den Beinen war, inzwischen mal ein bisserl ausgeschlafen und danach das viele Bildmaterial vom gestrigen Tage gesichtet habe, stehe ich noch immer etwas ratlos vor den Ereignissen in Berlin, deren Zeuge ich geworden bin. Ratlos, weil ich mir einfach nicht hatte vorstellen können, dass dieser Staat mit Wasserwerfern, Tränengas und brutaler Polizeigewalt gegen die eigenen Bürger vorgehen würde. Als 17-jähriger Lehrling in Ostberlin erlebte ich vom Herbst 1989 an die friedliche Revolution in der damaligen DDR aus nächster Nähe mit. Das SED-Regime war eine Diktatur. Das heutige Deutschland will eine Demokratie sein. Man möchte meinen, dass es unter diesen Umständen die Regierenden erfreuen sollte, wenn viele zehntausend Menschen vor dem Parlamentsgebäude zusammenkommen, um für Freiheit, Demokratie und die im Grundgesetz verankerten Bürgerrechte einzutreten. Was sagt es jedoch über Politiker aus, wenn sie genau das nicht wollen und darob jene diffamieren und kriminalisieren, welche ihren Staat vor entsprechenden Irrwegen bewahren möchten?

Ein Teilnehmer dieser Massendemonstration gegen das neue Infektionsschutzgesetz sagte in einem Interview, er glaube, Kanzlerin Merkel wolle nicht, dass er hier sei. Ganz offensichtlich hatte er damit recht. Doch wie kommt das? Eine Regierung, die hunderte Millionen Euro für sogenannte Demokratie-Förderprogramme ausgibt, verunglimpft und terrorisiert Menschen, wenn sie für Demokratie auf die Straße gehen. Bemerken unsere hochmögenden Volksvertreter und die angeblichen Leitmedien dieses Paradoxon nicht? Der Widerspruch lässt sich nur auflösen, wenn man anerkennt, dass der Terminus Demokratie für die hiesigen Machthaber keine Bedeutung im Wortsinne hat, sondern als Synonym für Regimetreue aufgefasst wird. Folgerichtig bezeichnen sich jene Parteien im Bundestag oder auch im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern, welche bis auf minimale Variationen den generellen Kurs der Regierung unterstützen, als „demokratische Parteien“, während beispielsweise die AfD nicht zu diesem Kreis gezählt wird. Ganz in diesem Sinne äußerte der polnische Dichter Stanisław Jerzy Lec seinerzeit das Bonmot: „Eine Diktatur ist eine Regierung, bei der man in Gefahr gerät, sitzen zu müssen, wenn man nicht hinter ihr stehen will.“

Es ist also sehr bedeutsam, sich bewusst zu machen, dass die meisten der Akteure gestern im Reichstagsgebäude etwas völlig anderes unter Demokratie verstehen als die vielen tausend Demonstranten davor. Während erstere darin Treue zur herrschenden Politik sehen, projizieren letztere darauf, was das Wort tatsächlich bedeutet: Volksherrschaft, Mitbestimmung sowie die Legitimität von Kritik an den Entscheidungen der Regierung. Deutschland ist demnach eine Art neofeudaler Staat mit einer Adelskaste aus Politikern und deren Lehnsleuten im Medien- und Kulturbetrieb sowie bei den Kirchen, die von den Untertanen vor allem Gefolgschaft und Wohlverhalten einfordert. Im Gegenzug lässt sie ihre Günstlinge allenthalben diverser Formen von Belohnungen teilhaftig werden, zum Beispiel das für soziale Wesen wie uns Menschen sehr wichtige Gefühl, einer diffusen Mehrheit anzugehören, deren Mitglieder auf der richtigen, auf der guten Seite stehen. Zu dieser Gruppe der Rechtschaffenen zählen die Demonstranten aus Sicht der Eliten nicht. Zum Erfolg eines wirkungsvollen Widerstandes gehört nun die Entscheidung der Widerständigen, dass sie gar nicht zu jener angeblichen Mehrheit der „demokratischen“, also regierungstreuen Subalternen gehören wollen. Von diesem Moment an hat das System nämlich keine Macht mehr über uns, wenn es das freie Individuum oder eine Gemeinschaft freier Individuen ist, welche für sich entscheiden, was richtig und was falsch ist. Dies bedeutet unweigerlich das Ende jeder obrigkeitlich gesteuerten identitätspolitischen Volksgemeinschaft – die tatsächlich nur ein so subtiles wie perfides Divide et impera (teile und herrsche) darstellt – und ist der Anfang jeder wahren Freiheit.

So kamen gestern in Berlin dann auch Menschen, mithin freie Individuen zusammen, die nach Maßgabe der Eliten in Politik, Medien und Kirchen eigentlich gar nichts miteinander zu tun haben dürften: Bürger aus der Mitte der Gesellschaft mit ihren jeweils ganz speziellen Hintergründen. Am besten sah man das an den Fahnen, die geschwenkt wurden. Da wehten zwischen Siegessäule, Brandenburger Tor und Reichstag unsere Deutschlandfahnen einträchtig neben Regenbogenfahnen, neben der Flagge Israels, Russlands, der Türkei und Frankreichs, zwischendrin auch AfD-Banner und buddhistische Gebetsfähnlein. Es wurden christliche Lieder gesungen, der Hare-Krishna-Song intoniert, dann wieder das Deutschlandlied von Fallersleben und immer wieder Westernhagens „Freeeiiiheit“, unterbrochen vom rhythmischen Getrommel einiger Fans fernöstlicher Hochgebirgskultur. Im kalten Strahl der Wasserwerfer standen Demonstranten mit und ohne Migrationshintergrund, Frauen und Männer, Alt und Jung, homosexuell und hetero, links und rechts, libertär und patriotisch, Hindus und Christen, Juden und Muslime. Alle einte der eine Gegner drüben im Reichstag hinter den gewaltbereiten Sicherheitskräften mit ihren Absperrungen.

Ich glaube, es ist das, was hängen bleiben wird, was wir uns bewahren sollten: die Erinnerung an diesen Tag, da die uns von den Herrschenden zugewiesenen Unterschiede zwischen zehntausenden Menschen, die doch in einem Land leben und fürderhin zusammenleben müssen, für einige Stunden aufgehoben waren. So wie damals im Herbst 1989, am 4. November auf dem Alexanderplatz. Mehr als 400.000 DDR-Bürger mit einem Anliegen: Freiheit, Frieden und Demokratie. Und niemand fragte nach der Gesinnung oder dem Glauben oder der Herkunft oder der sexuellen Orientierung des Einzelnen. Es stand beisammen, was als Volk zusammen gehörte. Auf das es wieder so werde und der 18. November 2020 nicht der Anfang einer neuen Diktatur gewesen ist, sondern der unwiderrufliche Aufbruch in eine freiheitliche Zukunft.

 

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