Frieden im Kaukasus oder armenisches Versailles?

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Armenien, die älteste christliche Nation der Welt, steht derzeit vor den schwersten Herausforderungen seiner jüngeren Geschichte. Im Krieg um die armenisch bewohnte Region Bergkarabach im südlichen Kaukasus ist nach sechs Wochen eine Entscheidung gefallen. Mit der Eroberung von Schuschi als strategisch wichtigster Stadt haben die angreifenden aserbaidschanischen Truppen den Karabach-Armeniern eine katastrophale Niederlage zugefügt. Der Ministerpräsident von Armenien, dem Mutterland der international nicht anerkannten Republik Arzach (Bergkarabach), sah sich deshalb in der Nacht auf Dienstag gezwungen, in eine Friedenslösung mit umfangreichen Gebietsverlusten einzuwilligen.

Dass der Fall von Schuschi eine derart dramatische Wende bewirkte, hat zwei Gründe. Zunächst liegt die Stadt direkt an der Lebensader Bergkarabachs. Von hier aus führt nämlich die einzige vorzüglich ausgebaute Verbindungsstraße nach Armenien. Jene ist nun abgeschnitten und damit auch der militärische Nachschub für die Verteidiger Karabachs, unter denen sich wiederum viele Freiwillige aus dem armenischen Mutterland befinden. Ferner thront Schuschi auf einer strategisch bedeutenden Anhöhe. Von hier aus können die Aserbaidschaner ihren Artilleriehagel auf tiefer gelegene Positionen der Armenier niedergehen lassen. Folglich ist die nur zehn Kilometer entfernte, in einem Tal gelegene Hauptstadt der Republik Arzach, Stepanakert, den Angriffen weitestgehend schutzlos ausgeliefert. Dieses Dilemma vor Augen hatte der Präsident der Karabach-Armenier wenige Tage vor deren De-facto-Kapitulation die Warnung geäußert: „Wer Schuschi beherrscht, beherrscht Karabach.“ Ich konnte dieses Gebiet gerade noch im Februar bereisen und mir selbst ein Bild von den ungünstigen geographischen Gegebenheiten dort machen.

Der indes unter russischer Federführung ausgehandelte Friedensvertrag zwischen Jerewan und Baku beendet zumindest vorerst das furchtbare Blutvergießen der zurückliegenden Wochen und Monate. Grundlage für eine dauerhafte friedliche Nachbarschaft auf Augenhöhe, gar eine Aussöhnung zwischen Armeniern, Aserbaidschanern und Türken kann er freilich nicht sein. Das Übereinkommen könnte für den Südkaukasus jene verhängnisvolle Rolle spielen, die der Versailler Vertrag seinerzeit für Deutschland und Europa gespielt hat. Kluge Politiker quer durch die Weltgeschichte haben stets gewusst, dass die Beendigung eines Krieges niemals mit der Demütigung des Gegners einhergehen darf, wenn man nicht schon den Grundstein für künftige Waffengänge legen will. Nach allem, was wir wissen und die erschreckenden Bilder von den politischen Unruhen in Jerewan belegen das, wird das besagte Abkommen von einem Großteil der Armenier tatsächlich als „Schandfrieden“ begriffen.

Dafür gibt es eine Reihe von Gründen. Erstens liegen die umstrittenen Gebiete, von denen Armenien die allermeisten wird aufgeben müssen, zwar auf aserbaidschanischem Territorium, doch haben Diktator Alijew sowie dessen türkischer Kollege Erdogan den aktuellen Krieg ohne Vorwarnung vom Zaun gebrochen, im Vorfeld keinerlei Anstalten gemacht, besser eine friedliche Lösung des Konflikts herbeiführen zu wollen. Stattdessen war der Angriff auf Armenien von langer Hand geplant. Das Regime in Baku wusste nur zu gut, dass alle Akteure auf der internationalen Bühne derzeit mit anderen Problemen beschäftigt sind. Die USA haben mit ihrer Präsidentschaftswahl zu tun und Europa – außenpolitisch ohnehin ausgesprochen schwächlich – wird von der Corona-Pandemie vollauf in Beschlag genommen. Außer Frankreich hat sich kein einziger EU-Staat auf die Seite Armeniens gestellt. Von den Europäern und hier vor allen anderen selbst von Deutschland dermaßen im Stich gelassen worden zu sein, werden die Armenier so bald nicht vergessen. Der Umgang des Landtages von Mecklenburg-Vorpommern mit meinem Antrag „Für Frieden und Freiheit im Südkaukasus“ hat die deutsche Ignoranz und Gleichgültigkeit sehr eindrücklich illustriert.

Doch auch Russland hat in diesem Konflikt eine ungute Rolle gespielt und sein traditionell enges Verhältnis zu Jerewan damit nachhaltig beschädigt. Die Ursachen dafür liegen tiefer. Äußerst misstrauisch hatte man im fernen Moskau 2018 den revolutionären Umsturz in Armenien beobachtet, der mit Nikol Paschinjan den heutigen Premierminister des Landes an die Macht und einen umfassenden Demokratisierungsprozess in Gang brachte. Die neue Regierung in Jerewan ging konsequent gegen Kreml-treue Oligarchen wie Gagik Tsarukian und andere sowie von diesen finanzierte ultranationalistische Kräfte vor, erregte damit aber den Unwillen des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Mit dem Krieg Aserbaidschans gegen Armenien bot sich dem Kreml nun eine Chance, Paschinjan relativ elegant wieder loszuwerden. Folgerichtig verhielt sich Russland solange weitgehend passiv, bis der vermeintliche Protegé Armenien militärisch am Ende seiner Kräfte war. Nun wurde dessen Regierung ein demütigendes Friedensdiktat a‘ la Brest Litowsk aufgenötigt und Paschinjan in eine Lage gebracht, die so oder so sein politisches Ende bedeuten und seine Widersacher erneut an die Macht bringen könnte. Dass Russland auf Kosten der Armenier nunmehr in allen drei kaukasischen Staaten militärisch präsent ist, sei hier nur am Rande als unbestrittener Erfolg Putins erwähnt.

Die Armenier sind ein stolzes Volk und lieben ihr karges, kleines Land, das mit 29.000 km² gerade mal so groß ist wie Brandenburg. Hinzu kommt eine unfassbare Leidensgeschichte, deren Höhepunkt 1915/16 der von den Türken verübte Völkermord mit rund 1,5 Millionen Opfern war. All das vor Augen ist die maßlose Enttäuschung und Trauer der Armenier angesichts ihrer aktuellen militärischen Niederlage sowie der damit verbundenen Gebietsverluste (siehe Karte) nur zu verständlich. Gleichwohl muss Premierminister Paschinjan für seine Entscheidung, in jenen Friedensvertrag einzuwilligen, an dieser Stelle größter Respekt gezollt werden, zumal sie offenkundig gegen den Willen sehr vieler seiner Landsleute erfolgte. Alles andere wäre freilich mit katastrophalen Folgen verbunden gewesen, denn militärisch war dieser Krieg für Armenien nicht mehr zu gewinnen. Eine Fortsetzung der Kämpfe hätte am Ende des Tages zu noch weiter gehenden Zugeständnissen an Aserbaidschan geführt und mit großer Wahrscheinlichkeit den kompletten Verlust Bergkarabachs bedeutet. Auch hier offerieren sich historische Parallelen zum Versailler Vertrag, dessen widerwillige Unterzeichnung durch die sozialdemokratische Reichsregierung im Jahre 1919 gegen die Stimmung in der deutschen Öffentlichkeit Schlimmeres verhinderte. Allerdings lag darin der Keim künftiger Katastrophen und genau dieses Schicksal gilt es dem Südkaukasus fürderhin zu ersparen.

Was also ist zu tun? Zuvorderst muss eine humanitäre Katastrophe in Armenien verhindert werden. Mehr als einhunderttausend Vertriebene haben Bergkarabach verlassen müssen, um dem aserbaidschanischen Granatenhagel zu entgehen. Sie drängen sich jetzt vor allem in Jerewan, brauchen eine Versorgung mit Lebensmitteln und sonstigen notwendigen Alltagsgütern. Dies umso dringender, als der Winter naht. Ich selbst überlege derzeit gerade, eine Sammlungsaktion zu starten und habe zu diesem Zwecke bereits mit entsprechenden armenischen Stellen Kontakt aufgenommen. Es ist fürwahr eine Schande, hier immer wieder mit dem Argument konfrontiert zu werden, wir Deutsche hätten unsere eigenen Probleme und könnten uns darob nicht auch noch um Armenien kümmern. Mit Blick auf eine Zeit, als es unserem Volke dreckig ging, sage ich nur: Luftbrücke, Rosinenbomber und Care-Pakete.

Ferner bleibt zu hoffen, dass sich die Gemüter in Armenien wieder beruhigen, weitere Unruhen oder gar eine Regierungskrise ausbleiben und sich das Land seinem wirtschaftlichen Aufbau zuwendet. Diesbezüglich ist in den zurückliegenden Jahren bereits allerhand erreicht worden. Deutschland und Europa insgesamt müssen ihren Handel mit Armenien zügig ausbauen, um Produkten aus dieser Region entsprechenden Absatz zu verschaffen. Noch immer kennen hierzulande viel zu wenig Menschen den vorzüglichen armenischen Wein und Cognac oder all die anderen schönen Dinge aus dieser Region mit ihrem großen Potential. Ich habe auf meinen Reisen in Jerewan, Gyumri und anderen armenischen Städten zahlreiche Start-ups kennengelernt, gerade auch im IT-Bereich, welche das Fundament einer kaukasischen Schweiz sein könnten. Hier bieten sich Chancen, auf die wir als „einfache“ Bürger abseits der großen Weltpolitik durchaus einen gewissen Einfluss haben, so wir nur wollen. Fakt ist, dass nur ein ökonomisch starkes Armenien seine Unabhängigkeit und Freiheit dauerhaft bewahren kann.

Einstweilen ist zu wünschen, dass die internationale Gemeinschaft ihre ostentative Gleichgültigkeit hinsichtlich einer nach wie vor gefährlichen Instabilität in der Region endlich aufgeben wird. Russland mit seiner Friedenstruppe fällt vorderhand eine Sonderrolle zu, die dazu führen kann und sollte, das Vertrauen der Armenier zurückgewinnen. Eine dauerhafte Lösung des Bergkarabach-Konflikts wird ohnehin erst möglich sein, wenn auch in Aserbaidschan demokratische Verhältnisse Einzug gehalten haben und die Diktatur des Alijew-Clans beendet ist. Das Regime in Baku mit seiner aggressiven Vernichtungsrhetorik und der unverhohlenen Androhung ethnischer Säuberungen unter den in seinem Machtbereich lebenden Armeniern bleibt vorderhand ein gefährlicher Brandstifter ohne jede Kompromissbereitschaft.

Bedeckt hält sich aktuell übrigens auch der Iran. Teheran steckt nämlich in einer Zwickmühle und das nicht nur, weil der Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan direkt an seiner Grenze ausgetragen wird. Immerhin pflegt die iranische Republik zu beiden Ländern gute Beziehungen und will weder Jerewan noch Baku vor den Kopf stoßen. Nicht zuletzt leben im Iran rund 17 Millionen Aserbaidschaner und mehr als 150.000 Armenier. Das islamische Land ist wie Aserbaidschan schiitisch geprägt. Doch politisch und wirtschaftlich pflegt Teheran wiederum bessere Beziehungen zu Jerewan. Besonders die enge Zusammenarbeit des Alijew-Regimes mit dem Erzfeind Israel sorgt im Iran für schwere Irritationen. Das territoriale Recht Aserbaidschans in Bergkarabach wird zwar anerkannt, ein Krieg gegen die Armenier deswegen aber noch lange nicht akzeptiert. Gerade an dieser Stelle wird deutlich, dass es sich bei den Auseinandersetzungen im Südkaukasus um keinen genuin religiösen Konflikt handelt, auch wenn Erdogan und Alijew in ihrem neo-osmanischen Wahn gerne einen solchen daraus machen wollen.

Erklärung der Karte: Das bräunlich eingefärbte Gebiet links ist die Republik Armenien. Die schraffierten Territorien wurden bislang von Armenien gehalten, um eine direkte Grenze zu Bergkarabach (völkerrechtlich nicht anerkannte Republik Arzach) zu schaffen. Hellgrün gehörte bisher zu Bergkarabach, wurde im Verlaufe des Krieges aber von Aserbaidschan zurückerobert. Blau ist jener Teil von Bergkarabach, der den Karabach-Armeniern noch bleibt, mit Stepanakert (aserb. Khankendi) als Hauptstadt. Dunkelgrün rechts ist das aserbaidschanische Kernland. Die gelbe Linie stellt die beiden Fernstraßen von Stepanakert nach Armenien dar, von denen nur die südliche ordentlich ausgebaut ist. Weil ein Stück nun über aserbaidschanisches Gebiet verläuft, soll (weiß gestrichelt) eine neue Umgehung gebaut werden. Diese Straße führt dann durch einen 5 km breiten Korridor (rot) auf armenisches Territorium. Hier sollen russische Truppen für einen ungehinderten Verkehrsfluss sorgen.

 

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Ein Gedanke zu „Frieden im Kaukasus oder armenisches Versailles?

  1. Sehr gute Analyse, die weitestgehend meine eigene Meinung abdeckt.

    – Es handelte sich wirklich um einen durch Erdogan maßgeblich motivierten und überraschenden Überfall der Aseris auf die Karabach-Armenier.

    – Die politische Abwendung des neuen PM in Jerewan von Russland und seine Anbiederung mehr in die USA wurde hier in Hagenow auch von unseren armenischen Freunden kritisiert.
    War auch sicherlich nicht hilfreich – die USA sind weit weg, das große christliche Russland sozusagen vor der Tür.

    – Der Außenminister Armeniens war mehr in den USA, wo er zwar erfolgreich von den US-Armeniern Spenden einsammelte, als in Moskau…

    – Russland hätte aber (das weiß ich nun aus dem Land selbst) auch im Falle der armenischen Vorgängerregierung kaum schneller oder härter agieren können.
    Der russische Bär bewegt sich langsam aber schlägt dann fest zu.
    Und zugeschlagen hat er: er hat ganze Brigaden der von den Türken trainierten und ausgerüsteten arabisch-islamischen Araberverbände in Nordsyrien und im Grenzgebiet zu Karabach aus der Luft vernichtet.
    Ohne dabei den langjährigen Wirtschaftspartner Aserbaidschan oder das Natomitglied (!!!) Türkei direkt anzugreifen.
    Da muss ich doch sagen: Hut ab!
    Den „Gegner“ da stechen, wo er „öffentlich“ schlecht „jammern“ kann.
    Mit den „freiwilligen, türkisch geführten Arabern“ konnte Moskau seine überlegene Waffenkraft UND Aufklärungsfähigkeit demonstrieren OHNE eine nachteilige oder gefährliche Eskalation in Gang zu setzen!!
    So sind die Truppentransporte mit Arabern gezielt aufgespürt und vernichtet worden…
    Das alleine ist schon eine beeindruckende Leistung! 😅👍🏼

    – Und klar: Moskau kam, sah und siegte!
    Es ist nun mit mehr Soldaten und mehr „Militärinfrastruktur“ als je zuvor in der Region.
    Und damit sogar etwas „dichter“ an die Türkei rangerückt.
    Und nicht zuletzt dürfte Alijev in Baku auch verstanden haben:
    Putin bleibt der übergroße Boss bzw „Machtfaktor“ – nicht Erdogan-Erdowahn…😆

    Das türkische Bla Bla von der „einen Nation und den zwei Staaten Türkei und Aserbaidschan“ dürfte an Ansehen eingebüßt haben…

    Also mE ist die Lösung auch kurzfristig die beste für die Karabach-Armenier.
    Sie werden Häuser, Grund und Hab und Gut behalten dürfen unter den wachsamen Augen der Russischen Armee und Sicherheitsdienste.

    Sie verlieren nicht weiter die Blüte ihrer jungen Männer und sie haben jetzt die Möglichkeit sich außenpolitisch klüger zu positionieren.

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