Vom Wutbürger zum Tatbürger

Veröffentlicht am

Wer kennt sie nicht, die Geschichte von der Meuterei auf der Bounty? Im Jahre 1789, passenderweise das Jahr der französischen Revolution, kam es auf dem berühmten britischen Segelschiff zu einem Streit zwischen Teilen der Mannschaft und dem unbeliebten Kapitän William Bligh. Die Wut der Besatzung entlud sich schließlich in einer Meuterei. Bligh und seine Unterstützer wurden in ein Beiboot gesetzt und ihrem Schicksal mitten im Pazifik überlassen. Die Aufrührer um den Hilfssteuermann Fletcher Christian setzten indes ihre Reise fort und landeten schließlich auf der menschenleeren aber durchaus bewohnbaren Insel Pitcairn, in deren Abgeschiedenheit sie sich vor einer allfälligen Strafverfolgung sicher glaubten.

Dort gründeten sie eine Siedlung und begannen damit, sich als Gemeinschaft zu organisieren. Bald jedoch verwandelte sich das tropische Paradies in die Hölle auf Erden. Neid und Missgunst führten zu handfesten Streitereien, hinzu kam Alkoholsucht sowie die Unfähigkeit, individuelle Energien und Fähigkeiten in den Dienst des gemeinsamen Erfolgs zu stellen. Nachdem sich beinahe alle Männer gegenseitig umgebracht hatten oder an Krankheiten zugrunde gegangen waren, etablierte der letzte verbliebene Meuterer mit einigen Frauen und ein paar Polynesiern eine christliche Sekte, was letztlich deren mühsames Überleben ermöglichte.

Wenn wir aus dieser bemerkenswerten Geschichte eines lernen können, dann das Wut allein zwar der initiale Funke sein kann, um einen notwendigen Veränderungsprozess in Gang zu bringen, aber für dessen Erfolg eben nicht ausreichend ist. Mündet der Furor allgemeiner Unzufriedenheit nicht in die schöpferische Tat, wird das Ergebnis ebenso ernüchternd sein wie im Falle der Meuterei auf der Bounty und ihrem tragischen Ende. Es ist nun mal eine Sache, sich eines Schinders im Kapitänsrang zu entledigen und eine gänzlich andere, die neu gewonnene Freiheit in einer für alle segensreichen Weise zu nutzen.

Es gibt derzeit sehr viel Wut in Deutschland. Meutereien deuten sich an und finden ihren zornigen Ausdruck auf Stammtischen, bei Demonstrationen überall in der Republik, in den sozialen Netzwerken oder auf Aschermittwochsveranstaltungen der AfD. Wer diese Wut nur verteufelt, hat nicht begriffen, was zu allen Zeiten die Entwicklung der Menschheit bestimmt und häufig auch vorangebracht hat. Schon Thomas von Aquin wusste, dass „Zorn die Voraussetzung für Mut ist“. Und Mut braucht es allenthalben, um sich gegen Missstände zu erheben. Auch Papst Gregor der Große stellte einst fest: „Die Vernunft kann sich mit größerer Wucht dem Bösen entgegenstellen, wenn der Zorn ihr dienstbar zur Hand geht.“ Gleichwohl nahm dieser Furor immer nur dann ein positives Ende, wenn er in gestalterische Kraft zum Wohle der Gesellschaft mündete.

Es kann jedoch nicht die Aufgabe der AfD sein, diesen überall aufbrausenden Zorn der Unzufriedenen zu nähren, sondern – und das sage ich durchaus selbstkritisch – als Partei muss sie vielmehr der Transmissionsriemen sein, der die in Teilen diffuse Wut der Straße in praktisches und nachhaltiges politisches Schaffen übersetzt. Daran gilt es zu erinnern, wenn wir uns in Mecklenburg-Vorpommern mit großen Schritten den Kommunalwahlen im nächsten Jahr nähern. Realisierbare Ideen und Konzepte, mithin Visionen vom Gemeinwesen, wie wir es es uns vorstellen, müssen erdacht und entwickelt werden. Nur als Tatbürger und nicht allein als Wutbürger werden wir in den Gemeinde- und Stadtvertretungen, in den Bürgerschaften und Kreistagen erfolgreich Neues zustande bringen, werden wir das, was die Bürger wütend macht, verändern, besser machen können.

© Bild: 2015 Gracenote

Teilen Sie diesen Beitrag:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.