Vorbote des 3. Weltkriegs? Der Kampf um Armenien (Teil 2)

Ist der Krieg zwischen Aserbaidschan und Armenien nur ein regionaler Konflikt in einer ohnehin unruhigen Gegend? Das wäre ein gefährlicher Trugschluss! Im Südkaukasus kollidieren die wirtschaftlichen, machtpolitischen und letztlich auch geostrategischen Interessen einer Vielzahl von Akteuren – ein Pulverfass, dessen Explosion auch in Deutschland zu spüren sein würde. Der folgende Teil 2 meiner Serie will das verdeutlichen, die Situation für den Leser verständlicher machen.

Ich war im Februar 2020 auf dem Rückweg von Stepanakert nach Jerewan. Während mein armenischer Begleiter unseren Jeep mit bemerkenswerter Routine bei nur wenigen Metern Sicht im dichten Schneegestöber über tief verschneite Gebirgspässe steuerte, hing ich auf dem Beifahrersitz meinen Gedanken nach. Die nach dem bolschewistischen Revolutionär Stepan Schaumian benannte Hauptstadt der Region Bergkarabach hatte einen ausgesprochen friedlichen Eindruck auf mich gemacht. Auch wirtschaftlich ging es allenthalben bergauf. Kaum vorstellbar also, dass die Illusion vom ewig anhaltenden Status quo ein halbes Jahr später zerplatzen sollte.

Der überwältigende Sieg Armeniens über Aserbaidschan während des grauenvollen Krieges Mitte der 1990er Jahre hatte die Nachfahren Tigrans des Großen selbstzufrieden und unachtsam werden lassen, derweil man in Baku nicht nur seine Wunden leckte, sondern auf furchtbare Rache sann. In seiner De-facto-Unabhängigkeit von Aserbaidschan richtete sich auch Bergkarabach – das als Republik Arzach fortan um internationale Anerkennung rang, freilich ohne sie je zu erhalten – ganz bequem ein und war fürderhin mit der Konsolidierung bestehender Verhältnisse beschäftigt. Der marode Zustand der Militärbasen in Stepanakert, der mir schon bei meinem ersten Besuch in der Region drei Jahre zuvor ins Auge gefallen war, sprach eine klare Sprache. Auch wenn es hin und wieder kleinere Scharmützel an der sogenannten Kontaktlinie gab, hatte man sich an den stets dezent vor sich hin rauchenden Vulkan in der Ferne gewöhnt.

Am frühen Abend jenes Tages erreichten wir Goris, eine Stadt im Süden Armeniens (siehe Teil 1). Mein Begleiter kannte hier einen Arzt, der einige Jahrzehnte in Berlin praktiziert hatte und als Pensionär in die Heimat zurückgekehrt war. In seinem schmucken Haus mit einigen Gästezimmern darin fanden wir eine vorzügliche Unterkunft für die Nacht. Nach dem Abendessen entdeckte ich auf einem Bord neben dem prasselnden Kamin einen prachtvollen Bildband mit historischen Landkarten Armeniens. Der greise Doktor trat hinzu und zeigte mir anhand jenes Buches voller Stolz, wie groß seine Nation einst war, die byzantinischen Kaisern und umayyadischen Kalifen getrotzt hatte, bevor sie im Nachgang des Ersten Weltkrieges zwei Drittel ihres traditionellen Siedlungsgebietes verlor. Was ihnen blieb, ist jener Teil des alten Reiches, der erst zum zaristischen Russland, dann zur Sowjetunion gehörte und seit dem 21. September 1991 als unabhängige Republik Armenien ein stets bedrohtes Dasein fristet. Warum ist das so?

Die erste Ebene des Konflikts im Südkaukasus ist der tatsächlich schon uralte Streit um den Schwarzen Garten, was Bergkarabach übersetzt bedeutet. Die fast ausschließlich von ethnischen Armeniern bewohnte Region strebt seit dem Ende der Zarenzeit nach einer Vereinigung mit dem armenischen Kernland. 1921 hätte es beinahe geklappt. Doch entschied sich die bolschewistische Führung in Moskau letztlich dagegen, auch weil ein politisch zersplitterter Kaukasus leichter zu kontrollieren war. Zum Trost wurde Bergkarabach wenigstens eine autonome Oblast und deren Hauptort Khankendi nach einem armenischen Revolutionär umbenannt. Seither pochen die unter aserbaidschanischer Oberhoheit lebenden Armenier auf ihr Selbstbestimmungsrecht, während man in Baku seine territoriale Integrität gewahrt wissen will.

Ein gordischer Knoten, für den es zwar eine Reihe von Lösungskonzepten gibt, die jedoch aufgrund einer Gemengelage aus Unversöhnlichkeit und mangelnder Kompromissbereitschaft auf beiden Seiten kaum eine Chance auf Verwirklichung haben. Ferner kommt hinzu, dass der Konflikt ein Lebenselixier des autokratischen Regimes in Baku ist. Die hochgradig korrupte Familiendiktatur des Clans um Ilham Alijew, der 2003 seinem Vater Hejdar auf den Thron folgte, hat es bis anhin nicht geschafft den Öl- und Gasreichtum Aserbaidschans in eine Verbesserung des Lebensstandards für die gesamte Bevölkerung umzumünzen. Die stetig geschürte Feindschaft mit Armenien soll daher auch von den sozialen Verwerfungen ablenken.

Die zweite Ebene der Auseinandersetzungen im Südkaukasus ist schon etwas komplexer. Hier kommt die Türkei hinzu, deren Bewohner wie auch die Azeris zu den Turkvölkern gehören und dem sunnitischen Islam anhängen. Präsident Erdogan träumt in seinem neo-osmanischen Palast in Ankara mehr denn je von einem großtürkischen Reich, das sich vom Bosporus über Aserbaidschan und Turkmenistan bis in die kasachischen Steppen erstrecken soll. Aus Sicht Erdogans und seines Adepten Alijew gibt es da nur ein unschönes geografisches Hindernis, das wie ein Keil zwischen die Länder der beiden Diktatoren ragt – Armenien. Also will man wenigstens dessen südliche Provinzen Vayots Dzor und vor allem Syunik in Beschlag nehmen und über die Aserbaidschan zugehörige Exklave Nachitschewan eine direkte Landverbindung zwischen beiden Staaten herstellen.

Auf der dritten, der internationalen Ebene wird es richtig vertrackt. Weitere Akteure kommen hinzu und zwar die USA, Russland, Israel, China sowie der Iran. Es mag schwer zu glauben sein, warum ein Land wie Armenien – gerade mal so groß wie Brandenburg – das Epizentrum von letztlich globalen Auseinandersetzungen sein kann. Und die Armenier selbst sind um diese Rolle wahrlich nicht zu beneiden. Dennoch kommen wir hier in Europa, vor allem in Deutschland nicht umhin, zu begreifen, dass eine Eskalation im Südkaukasus, vielleicht noch zeitgleich mit einem chinesischen Angriff auf Taiwan, durchaus das Potential für einen Weltkrieg hätte.

Im Teil 3 meiner Serie wollen wir uns mit den internationalen Zusammenhängen des Ringens um Armenien beschäftigen, uns dazu auch in die Welt von FSB, CIA und Mossad hinabbegeben. Es bleibt spannend!

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