Vorbote des 3. Weltkriegs? Der Kampf um Armenien (Teil 1)

Ein Café in der Fußgängerzone von Jerewan im Februar 2021. Draußen ist es kalt und nass. Schneematsch auf den Straßen. Die armenische Metropole ist eine der höchstgelegenen Hauptstädte der Welt mit entsprechend anstrengendem Klima. Von ihrem Hügel hoch über dem Zentrum schaut „Mutter Armenien“, die monumentale Statue einer Dame mit schwermütigem Gesichtsausdruck und Schwert, in den Dunst des Straßengewirrs hinunter. Der erinnert mich zuweilen an die von Abgasen geschwängerte Winterluft in den Städten der ehemaligen DDR.

Ich treffe mich mit einer Gruppe junger armenischer Aktivisten bei orientalischem Kaffee und Tee. Wir diskutieren über den wenige Monate zurückliegenden Krieg um Bergkarabach und den seither brüchigen Frieden zwischen Aserbaidschan und Armenien, diskutieren Hilfsprojekte für notleidende Kriegsopfer und unternehmen Ausblicke in die Zukunft dieses Landes – der ältesten christlichen Nation der Erde. Und die ragt mitten hinein in die Welt Mohammeds, des Propheten des Islam.

Meine Gesprächspartner sprechen allesamt vorzügliches Englisch, haben teilweise eine Ausbildung im westlichen Ausland genossen und sind dann in ihre Heimat zurückgekehrt, wo sie verschiedene Start-ups gründeten. Sie haben allen Grund für Optimismus, denn Armenien hat durchaus Potential. Doch längst nicht alle in der Runde teilen meine Vision von einer „Schweiz des Kaukasus“, die ich Jahre zuvor bei einem Besuch an der Universität von Stepanakert entworfen hatte.

Im Laufe des Nachmittags in jenem Café senkt sich eine gewisse Düsternis über unsere Konversation. Eine junge, ausgesprochen selbstbewusst auftretende Frau und alleinstehende Mutter an unserem Tisch sieht in dem Angriff Aserbaidschans auf die von Armeniern bewohnte Region Bergkarabach im Herbst 2020 lediglich ein Menetekel für einen Aggressionskrieg gegen das armenische Kernland selbst. Verschärft würde die Situation durch den im Zuge einer Farbenrevolution ins Regierungsgebäude am Platz der Republik im Herzen Jerewans gelangten Premierminister Nikol Paschinjan. Nicht wenigen seiner Landsleute gilt der bärtige Politiker als willfähriger Handlanger globalistischer Kräfte.

Insgeheim hatte ich diese finsteren Vorhersagen damals nicht wirklich ernst genommen, als unbegründete Panik abgetan. Stattdessen machte ich den launigen Vorschlag, Armenien solle sich wie Israel ein paar Atomraketen besorgen. Dann wäre es sicher. Seit einigen Tagen bin ich klüger. Heghine hat schlechterdings recht behalten. In der zurückliegenden Woche begann Aserbaidschan damit, armenisches Staatsgebiet mit Raketen, Drohnen und Militäreinheiten anzugreifen. Und Herr Paschinjan spielt in den Augen seiner Kritiker erneut eine mindestens zwielichtige Rolle, weswegen sich zu den grenznahen Kämpfen auch noch politische Unruhen in der armenischen Hauptstadt gesellt haben.

Bis anhin gab es auf armenischer Seite nach offiziellen Angaben 173 Todesopfer, darunter auch eine Soldatin, die von aserbaidschanischen Armeeangehörigen erst vergewaltigt, dann bestialisch gefoltert und zuletzt ermordet worden sein soll. Beschossen wurden auch Städte und Dörfer, die kilometerweit hinter der Grenzlinie liegen. Alle diese Orte kenne ich von persönlichen Besuchen der letzten Jahre. Darunter ist auch das idyllische Goris, wo ich im Hause eines pensionierten Arztes übernachtete, der einen Großteil seines Berufslebens in Berlin praktiziert hatte, um dann in seiner südarmenischen Heimatstadt den Lebensabend zu verbringen. Indes sind rund 7.600 Armenier aus eben jenen Regionen obdachlos.

Als ich dieser Tage mit Kontaktpersonen in Jerewan sprach, schlug mir deren geballtes Unverständnis entgegen: Ihr helft doch der Ukraine und lasst jetzt das armenische Volk im Stich? Der Vorwurf trifft ins Schwarze und sollte all jenen nicht gleichgültig sein, denen die westliche Sanktionspolitik gegen Russland einerseits sowie die völlig unreflektierte Solidarität mit der Selensky-Administration in Kiew sauer aufstößt.

Mein armenischer Freund Vahram – ein vorzüglicher Touristenführer, der in Deutschland Germanistik studiert hat – versteht die Welt nicht mehr. Die EU boykottiert russisches Erdgas, weil Wladimir Putin ein fürchterlicher Despot sei und völkerrechtswidrig die souveräne Ukraine angegriffen habe. Gleichzeitig vereinbart Ursula von der Leyen eine Verdoppelung des Gasimports aus Aserbaidschan. Nun herrscht aber in Baku ein skrupelloser Diktator namens Ilham Alijew, der soeben einen völkerrechtswidrigen Aggressionskrieg gegen das souveräne Armenien vom Zaun gebrochen hat.

Die Eliten in Brüssel und Berlin lösen das offenkundige Dilemma auf ihre Weise, nämlich indem sie den Krieg im Südkaukasus, dessen Urheber von der EU mit ihren Gasimporten auch noch finanziert wird, weitestgehend aus der öffentlichen Wahrnehmung heraushalten. Folgerichtig hat sich weder die EU-Kommission noch die deutsche Bundesregierung bis anhin klar und eindeutig zu dem Krieg in Armenien geäußert oder gar Position bezogen.

Freilich wird es seitens des Westens keine Militärhilfen für Jerewan geben und noch viel weniger ist mit Sanktionen gegen das Regime Ilham Alijews zu rechnen, der 2003 seinem Vater Hejdar Alijew als autokratischer Präsident Aserbaidschans auf den Thron folgte. Das muslimische Land am Kaspischen Meer ist somit eine klassische Erbdiktatur wie Syrien und Nordkorea, wenngleich mit letzterer nicht annähernd vergleichbar.

Die Ereignisse im Südkaukasus haben EU-Kommission und Scholz-Regime als verlogene Heuchler bloßgestellt. Angesichts der Ignoranz gegenüber Armenien – dessen Volk bereits einen Genozid mit Millionen Toten hinter sich hat – kann selbst ein wohlwollender Beobachter kaum noch behaupten, dass es den Machthabern in Washington, Brüssel und Berlin um Frieden, Freiheit und Demokratie in der Ukraine oder sonstwo zu tun ist.

Worum es zumindest im Südkaukasus tatsächlich geht und warum der dortige Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan das Potential für einen Flächenbrand mit durchaus apokalyptischen Auswirkungen hat, wollen wir im zweiten Teil meiner kleinen Serie betrachten.

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