Eine tragische Figur mit zwiespältigem Erbe – zum Tod von Michail Gorbatschow

So richtig live habe ich Michail Gorbatschow nur einmal und sehr kurz erlebt. Wir Lehrlinge einer Ostberliner Berufsschule für Drucktechnik waren am Tag vor dem 40. Gründungsjubiläum der DDR in die Karl-Marx-Allee abkommandiert worden. Vom Mittelstreifen aus sollten wir zusammen mit zahllosen weiteren Untertanen des SED-Staates Fähnchen schwenkend dem Sowjetführer und seinem greisen Gastgeber zujubeln, sobald sie mit ihrer Fahrzeugkolonne vorbeifuhren. Die Begeisterung war echt – freilich weniger Erich Honeckers wegen als vielmehr aufgrund des Mannes neben ihm, der fröhlich strahlend und mit einem gewinnenden Lächeln aus der Limousine winkte. Der schlohweiße Chefkommunist der DDR, gerade von einer schweren Erkrankung genesen, war ebenfalls gut aufgelegt. Es schien ein herrlicher Tag zu werden. Noch ahnte er nicht, wie bald die jubelnde Menge ihn hassen durfte.

Mit Gorbatschow war die Nemesis des SED-Regimes zu Besuch gekommen. Ob es am Abend auch dann vor dem Palast der Republik zu spontanen Protesten gekommen wäre, wenn die aufgebrachten Bürger ihren vermeintlichen Schutzpatron aus Moskau nicht hinter der gläsernen Fassade gewusst hätten, wird sich nie klären lassen. Schon möglich, dass die feierlaunigen Politbürokraten einstweilen von einer „chinesischen Lösung“ absahen, solange der Kremlchef vor Ort war, dessen Namen die Demonstranten ja immerfort riefen wie den eines Heiligen: „Gorbi! Gorbi! Gorbi hilf!“

Mit Michail Sergejewitsch Gorbatschow war 1985 ein Mann an die Spitze der Sowjetunion gerückt, den man nach den bleiernen Jahren der Breschnew-Ära und dem Interregnum der auf jenen folgenden sklerotischen Greise nur lieben konnte. Jung, gutaussehend, charismatisch und mit einer bezaubernden Gattin – der Unterschied zu den grauen Eminenzen im Rest des Ostblocks, vor allem auch zum zittrigen Erich Honecker und dessen Eisblume von Frau, war frappierend. Ganz am Anfang, als noch niemand ahnte, was Gorbi uns bringen würde, kursierte auch über den neuen KPdSU-Generalsekretär so mancher despektierliche Witz, wie ihn sich der niemals verstummende Volksmund noch für jeden Bonzen ausgedacht hatte. Zum Beispiel dieser: „Warum hat Gorbatschow einen Fleck auf der Halbglatze? Weil Stalin dort immer seine Pfeife ausgeklopf hat.“

Derlei Witze waren schon bald nicht mehr zu hören. Auch der SED verging das Lachen recht schnell. Denn Gorbatschow hatte mit Stalin ungefähr so viel gemein wie Kevin Kühnert mit Willy Brandt. Glasnost und Perestroika waren allenthalben die neuen Schlagworte der Hoffnung für die einen und der Obstruktion für die anderen. Tatsächlich galten plötzlich jene, die dem Führer des Mutterlandes des Kommunismus allzu überschwengliche Verehrung angedeihen ließen, als konterrevolutionäre Diversanten. Ich erinnere mich eines Mitschülers, Sohn des damaligen Leiters der evangelischen Stadtmission in Rostock, den unser Schuldirektor zwang, einen Button mit dem Konterfei Gorbatschows von seinem Parka zu entfernen. Von der Sowjetunion sollten wir fürderhin nicht mehr siegen lernen.

Das letzte Oberhaupt des von Lenin und Stalin mit unvorstellbarer Brutalität geschmiedeten Staatswesens namens UdSSR wird den Bewohnern der früheren DDR immer der strahlende Erlöser sein, der er unterm Strich nie war. Doch das ist verständlich. Vielleicht hat die abermalige Hoffnung, dass aus Moskau die Rettung kommen möge, auch in den sehnsuchtsvollen Gorbi-Rufen von ehedem eine Ursache.

Nun hat der US-amerikanische Publizist und Medienwissenschaftler Walter Lippmann bereits vor einhundert Jahren in seinem legendären Buch „Die öffentliche Meinung“ den Unterschied zwischen subjektiver und objektiver Realität herausgearbeitet. Demzufolge wird ein und dieselbe Person von unterschiedlichen Leuten völlig anders und häufig im Widerspruch zum tatsächlichen Bild gesehen, das bei objektiver Betrachtung zum Vorschein kommt. Ist Gorbatschow für die Deutschen ein Engel der Freiheit, bleibt er anderswo wahrscheinlich eher negativ in Erinnerung und das betrifft keineswegs nur Wladimir Putin nebst dessen Anhängerschaft, die im Zusammenbruch der Sowjetunion die größte Katastrophe erblicken seit dem Asteroideneinschlag von Yucatán.

Der Balten zuweilen schon paranoide Abneigung gegen Russland wird verständlicher, wenn man zu Füßen des Fernsehturms von Vilnius steht. Hier töteten am 13. Januar 1991 sowjetische Militär- und Spezialeinheiten sowie Angehörige des KGB insgesamt 14 unbewaffnete Zivilisten beim Versuch, vermittels eines gewaltsamen Putsches die Macht Moskaus im abtrünnigen Litauen wiederherzustellen. Über 1000 Menschen, die das Parlament und den Fernsehturm verteidigten, wurden zum Teil schwer verletzt. Die unbewaffneten Litauer wurden teilweise von Panzern der Sowjetarmee überrollt, teilweise erschossen. Zuvor hatte Gorbatschow die drei baltischen Republiken auszuhungern versucht, in dem Bestreben, eine Unabhängigkeit Estlands, Lettlands und Litauens mit allen Mitteln zu verhindern. Auch das war Gorbi.

Ferner war derselbe Mann, der den schlottrigen SED-Genossen am 7. Oktober 1989 im Schloss Niederschönhausen wortmächtig die Leviten las, in seinem eigenen Beritt von erstaunlicher Unentschlossenheit, Zögerlichkeit und Führungsschwäche. In jenen spannungsgeladenen Zeiten wirkten sich derlei Eigenschaften freilich äußerst abträglich aus und führten auch in anderen Teilen des Sowjetreiches zu Katastrophen, die bis heute nachwirken. Ich selbst war bereits viele Male im Kaukasus unterwegs, dessen südlicher Teil noch immer durch blutige Nationalitätenkonflikte erschüttert wird, vor allem zwischen Armenien und Aserbaidschan. An deren Ursachen trägt Gorbatschow zwar keine Schuld, doch war er der letzte politische Akteur, der Kraft seiner Macht als Führer der UdSSR wenn schon keine abschließende Lösung, so doch eine Abmilderung der Fehde hätte herbeiführen können. Aber auch hier war Gorbatschow zaghaft und zaudernd und darob wenigstens mittelbar verantwortlich für mehrere Progrome an Armeniern in Aserbaidschan 1989 und 1990. Als dann das Kind endgültig in den Brunnen zu fallen drohte, versuchte der Kremlherr mit völlig überzogenen Militäreinsätzen zu retten, was zu retten war, nur um dadurch die gesamte Region komplett ins Chaos zu stürzen und ein für alle Mal von Moskau zu entfremden.

Auch wenn Gorbatschows Reformen im Innern und seine Entspannungspolitik nach außen letztlich vom maroden Zustand der Sowjetunion diktiert wurden, ist die Welt mit ihm – freilich seltener durch ihn – um einiges besser geworden. Er gilt objektiven Betrachtern zurecht als tragische Figur und ist als solche vielleicht seiner kaiserlichen Vorgängerin Katharina der Großen nicht unähnlich, deren Umgestaltungswille im Zeichen eines „aufgeklärten Absolutismus“ ebenfalls an der Realität scheiterte. Er wollte die Sowjetunion retten und läutete ungewollt ihr Ende innert nur weniger Jahre ein. Sein gründlichster Irrtum – und das kann man gar nicht oft genug betonen – war indes jedoch die fixe Idee, man könne den Kommunismus irgendwie mit Demokratie und Freiheit zusammenbringen. Das Postulat eines „demokratischen Sozialismus“ muss auf ewig bestenfalls eine charmante Illusion oder schlimmstenfalls bösartige Demagogie bleiben. Wenn Gorbatschow uns das sehr glaubhaft vermitteln konnte, hat er schon viel erreicht.

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