Wie die SVZ sich an ihrem eigenen Knaller verschluckte

An einer Stelle seiner „Prager Streifzüge“ erzählt uns Egon Erwin Kisch – in jener Spätphase der k.u.k. Monarchie noch ein junger Reporter für die Tageszeitung Bohemia – von seiner Begegnung mit einer alten Wäscherin, deren Sohn als mutmaßlicher Raubmörder verhaftet worden war. Hinter dem eigentlich eher banalen Kriminalfall doch noch eine reißerische Story witternd, versucht Kisch der Frau das Geständnis zu entlocken, im Grunde selbst für diese Bluttat verantwortlich zu sein, da sie in jungen Jahren nach einer Vergewaltigung beinahe ihren Arbeitgeber erstochen und das Böse nurmehr an ihren Sohn weiter vererbt hätte. Die Geschichte endet mit der unvermittelten Heimkehr des jungen Mannes, dessen Unschuld sich inzwischen erwiesen hatte. Entsetzt darüber, beinahe den Ruf zweier Menschen zerstört zu haben, schleicht sich Kisch beschämt aus der armseligen Wohnung.

Es scheint schwer vorstellbar, dass heutige Journalisten, zumindest insofern sie für die etablierten Medien tätig sind, noch derlei Skrupel verspüren, nachdem ihnen klar geworden ist, dass sie sich mit einer Story komplett verrannt, ja sogar Schaden angerichtet haben. Pressearbeit in unseren Tagen besteht kaum noch darin, den Menschen sorgfältig und möglichst objektiv recherchierte Informationen zu liefern, auf deren Grundlage sich jene dann ihre individuelle Meinung bilden können. Stattdessen haben wir es mit dem „Haltungsjournalismus“ (Georg Restle) zu tun, dessen Grundvoraussetzung ist, was wir von der DDR her als „festen Klassenstandpunkt“ kennen, von dem aus man ehedem die Welt zu sehen hatte.

Journalisten sind heuer immer öfter Aktivisten in eigener Sache, die passenderweise auch die Sache der herrschenden Eliten ist. Wer von jenen als Feind identifiziert wird, muss bekämpft werden. Während es Kisch wenigstens noch um eine billige Sensation für sein Blatt zu tun war, eine Sensation um ihrer schlichten selbst willen, haben seine berufsständischen Nachfahren indes eine Mission zu erfüllen, einen Kreuzzug zu führen, der niemals mit einem Modus Vivendi enden kann.

Damit wären wir bei der Schweriner Volkszeitung (SVZ). Wie eine Festung der politisch-korrekten Rechtgläubigkeit erhebt sich deren Hauptquartier über der Schnellstraße am Großen Dreesch im Süden der Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern. Das einstige SED-Bezirksorgan ist heute ein echtes Asset, ein verlässlicher Aktivposten im „Kampf gegen rechts“, den Uwe Steimle als „Kampf gegen das eigene Volk“ bezeichnete. Auf jeden Fall ist es ein Kampf gegen Meinungspluralismus, politische Vielfalt und eine konstruktive Diskurskultur.

All dem will sich die freiheitlich-patriotische Begegnungsstätte im Torhaus Güstrow widmen. Kaum bekamen die Wachhabenden in ihrem Schweriner Ausguck von unserem Projekt ersten Wind, begann auch schon die mediale Abwehr tätig zu werden. Von einem „völkisch-nationalen Schulungszentrum“ ist seitdem in der SVZ die Rede. Das klingt so schön bedrohlich nach Ordensburg und Napola. Die Güstrower sollen schließlich Angst bekommen, gerade so, als hätten wir ihr Schloss selbst ins Visier genommen. Die Tage und Wochen gingen ins Land und nichts geschah, das den Barlachstädtern Albträume bescheren müsste, abgesehen von einem Vortrag über die Nationalitätenpolitik der Sowjetunion, einem Filmabend und einem Kochkurs.

Dann erfuhr Margitta True (der Nachname bedeutet, man glaubt es kaum, auf englisch „wahr“) von der Güstrower SVZ-Lokalredaktion, dass ich dazu einlud, den AfD-Bundesparteitag in Riesa gemeinsam im Kreise interessierter Bürger in unserer Begegnungsstätte bei Grillwurst und Bier anzuschauen. Daraus musste sich doch etwas machen lassen. Prompt hatte der linksradikale Verein „Rostock Nazifrei“ parallel dazu herausgefunden, dass eine im April – womöglich auf Initiative des Verfassungsschutzes – in Erfurt neu gegründete Splitterpartei aus dem rechtsextremistischen Milieu namens „Neue Stärke“ am selben Tag einen Infostand am Güstrower Borwinbrunnen durchführen wollte.

Bei Frau True liest sich das dann so: Ich selbst hätte beim Güstrower Gewerbeverein jenen Infostand angemeldet und analog die Partei „Neue Stärke“ zu einem Public Viewing des AfD-Bundesparteitages in der Begegnungsstätte Torhaus Güstrow eingeladen. Folglich suggeriert man, beide Akteure seien organisatorisch irgendwie miteinander verbandelt. Ferner wird aus der Beobachtung jener merkwürdigen „Neuen Stärke“ durch den Verfassungsschutz in dem SVZ-Bericht eine Einstufung meiner Person, „meiner Mitstreiter und deren Gruppierungen als rechtsextremistisch“ seitens des Inlandsgeheimdienstes. Unauffindbar bleibt bis anhin freilich jener ominöse Aufruf der „Neuen Stärke“, an dem durch mich geplanten, letztlich aber abgesagten, Public Viewing des AfD-Parteitages teilzunehmen. Scheinbar ist der ein reines Hirngespinst. Warum sollte eine gerade erst von wem auch immer neu gegründete Partei allen Ernstes Werbung machen für die Konkurrenz?

„Die Gruppierung um den ehemaligen AfD-Landtagsabgeordneten Holger Arppe wird munter in Güstrows Stadtgeschehen“, raunt Frau Wahr in ihrem bizarren Zeitungsartikel und lügt damit, denn ein Infostand war meinerseits nie geplant und wurde ergo auch nicht von mir angemeldet. Letzteres hat nach Aussage von SVZ-Chefredakteur Michael Seidel allerdings jener Gewerbeverein behauptet. Also ist hier entweder einer auf den anderen reingefallen oder der linke Tiefe Staat hat sich da an einer Diffamierungsaktion versucht, die mächtig nach hinten losging.

Freilich hätte die gute Margitta mit dem irreführenden Nachnamen die Wahrheit in Erfahrung bringen können. Ein kurzes Gespräch mit mir und die tatsächlichen Hintergründe wären auch ihr offenbar geworden. Doch das war augenscheinlich gar nicht gewollt. Wie schon erwähnt geht es schlechterdings nicht mehr um Fakten, sondern um Agitation, um Manipulation, um ein bestimmtes Framing in der Öffentlichkeit.

Auf Twitter gibt sich Margitta True als Fan des Fernsehhetzers Jan Böhmermann zu erkennen, macht sich mit dessen Forderung gemein, Facebook zu enteignen. Meinungsfreiheit? Nicht so Sache der Wahlgüstrowerin. An anderer Stelle macht sie sich über Hanns Joachim Friedrichs lustig, jenen legendären Journalisten, der seinen Berufsgenossen mit auf den Weg gab: „Das hab’ ich in meinen fünf Jahren bei der BBC in London gelernt: Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein. Nur so schaffst du es, dass die Zuschauer dir vertrauen.“

Nach Protesten meinerseits und einer länglichen Korrespondenz mit dem Chefredakteur der SVZ wurde der inkriminierte Schmähbericht indes aus dem Netz genommen. Keine Ahnung, wie viele Menschen den Text bis dahin gelesen hatten und wie viele von diesen wiederum glauben, was sie glauben sollen. Herr Seidel scheint in seiner letzten Mail an mich mächtig überarbeitet, klagt über die „organisatorischen Abläufe einer sich von Rostock bis Wittenberge erstreckenden Redaktionsorganisation“ und gibt der Güstrower Lokalredaktion die Schuld. Der seien „unter Umständen handwerkliche Fehler“ unterlaufen.

Welchen Schaden derlei „handwerkliche Fehler“ bei den Opfern eines solchen Verständnisses von Journalismus anrichten können, dass solche „handwerklichen Fehler“ schon manche Existenz zerstört haben, kommt Chefredakteur Seidel gar nicht erst in den Sinn. Er hat stattdessen die Chuzpe, mir Furor, Zynismus und Verschwörungstheorien in meinem Mailverkehr vorzuwerfen.

Egon Erwin Kisch stand am Beginn meiner Betrachtungen und er soll auch das Schlusswort haben. Freilich war auch er – bekennender Kommunist zwar aber einer von der alten Sorte – nicht ohne Fehl und Tadel, gilt manchen als umstritten gar. Doch hier hat er ohne Frage recht: „Der Reporter hat keine Tendenz, hat nicht zu rechtfertigen und hat keinen Standpunkt. Er hat unbefangen Zeuge zu sein und unbefangene Zeugenschaft zu liefern.“

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