Gedanken zur Wahl in NRW

Schon vor einer Woche, rückblickend auf die Landtagswahl in Schleswig-Holstein, musste ich an Robert Musils genialen Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ denken. Jener führt uns in die Endphase der im Niedergang befindlichen k.u.k. Donaumonarchie mit einem jungen Intellektuellen namens Ulrich in der Hauptrolle. Der wird zum titelgebenden „Mann ohne Eigenschaften“, indem er sich zu nichts bekennen mag und sich jeder Festlegung entzieht, um sich neuen Optionen und Konstellationen anpassen zu können.

Männer und Frauen ohne Eigenschaften beherrschen heute allenthalben das politische Leben. Man muss sich nur jene geistig anämischen Kandidaten anschauen, die da jüngst sich zur Wahl stellten. Und leider gilt das auch für die AfD, deren Personal immer weniger der anfänglichen Verheißung von Unangepasstheit und Kantigkeit entspricht. Der SPIEGEL schrieb einst, die Politiker unserer Tage würden so auffällige Brillen tragen, damit das Volk nicht die Leere in den Gesichtern sehen könne.

Von 13 Millionen Wahlberechtigten sind 6 Millionen dem Urnengang in Nordrhein-Westfalen ferngeblieben – ein Zuwachs von 36% auf 45%. Die AfD kam auf 5,4%, ein Minus von 2%. Das sind für uns freiheitliche Patrioten die wesentlichen Zahlen. Der Rest ist egal, weil alle anderen Parteien ohnehin für ein und dasselbe Ziel stehen, nämlich die Zerstörung Deutschlands und die Einführung des globalen Kommunismus.

It’s the Nichtwähler, Stupid!

Ich habe immer gesagt, die AfD macht einen Fehler, wenn sie all ihre Energie darauf verwendet, den Blockparteien die Wähler abspenstig zu machen, indem sie sich als die bessere CDU, die bessere FDP oder gar die bessere SPD geriert. Unverdrossen hält die AfD an diesem Irrweg fest – offenkundig weil ihre Funktionäre sich nach der guten alten Zeit zurücksehnen, als die Welt noch in Ordnung war und das Königlich Bayerische Amtsgericht über geprellte Wirtshauszeche verhandelte.

Jene 6 Millionen Nichtwähler in NRW und anderswo wollen aber keinen AfD-blauen Themenpark „Schee woar’s in Bonn“, sondern eine frische, innovative und pfiffige Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit. Da nützt auch keine Wählerbeschimpfung, wie sie im Netz zu finden ist, die Leut seien halt zu blöd und so fort. Da nützt auch kein Geraune von Wahlfälschung durch finstere Mächte … und ja, natürlich die Niedertracht der Medien darf auch nicht fehlen.

Was aber, wenn die besagten Nichtwähler den Urnengang einfach deswegen boykottierten, weil sie die AfD für noch weniger wählbar erachten als den ganzen Rest? Im Ernst glauben ja alle, es hätte die Haltung der Parteien zum Krieg in der Ukraine den Ausschlag gegeben. Mag sein. Aber beinahe die Hälfte der Wahlberechtigten zwischen Bielefeld und Aachen sah das scheint’s anders. Ich glaube auch nicht, dass die konservativen Bürger von Emmerich am Rhein einen großen Bogen ums Wahllokal gemacht haben, weil zehn Tage vorher im fernen Thüringen ein Björn H. mit vagen Worten Interesse am neuen AfD-Bundesvorstand bekundet hatte.

Keine innovativen Antworten auf drängendstes Problem

Vielleicht hat ja der Journalist Olaf Gersemann recht, wenn er beklagt, dass keine Partei einen seriösen Umgang mit einem der drängendsten Probleme des Jahres gefunden hat: der rasanten Geldentwertung. Die trifft so gut wie jeden: Arbeitnehmer und Selbständige, Verbraucher und Sparer, vor allem aber trifft sie die sozial Schwächeren besonders hart und besonders unerbittlich. „Und sie ist, das zeigen Umfragen“, so Gersemann, „das Top-Thema schlechthin für die Bürger in NRW – noch vor Krieg und Klima.“

Freilich macht auch die AfD an dieser Stelle ein paar Vorschläge, wie man die Bürger angesichts galoppierender Inflation entlasten könnte. Doch basieren jene auch nur auf dem altbekannten Prinzip der Umverteilung von hier nach dort und wieder zurück. An das Grundübel, nämlich ein völlig außer und Rand und Band geratenes, dem Kollaps entgegentaumelndes Finanzsystem, traut sich auch die AfD nicht heran.

Die Reaktionen der AfD-Führungskader auf die erneute dramatische Schlappe bei einer Landtagswahl lassen freilich wenig Raum für Hoffnungen auf Besserung. Wenn es der Anspruch der Parteioberen ist, bereits darin einen Erfolg zu sehen, dass man mit Ach und Krach gerade mal so ins Parlament gekommen ist, kann der alte Rotbart im Kyffhäuser getrost noch lange weiterschlafen. Mit der „letzten evolutionären Chance für Deutschland“ hat es sich dann wohl erledigt. Oder wieviel Zeit, glauben die Herrschaften, haben wir noch?

Gerne können Sie Ihre persönliche Meinung mit den anderen Lesern teilen. Nutzen Sie dazu bitte die Kommentarfunktion.

Die Aufklärungs- und Bildungsarbeit im Torhaus Güstrow ist wichtiger denn je. Vielen Dank für Ihre Unterstützung durch eine Spende!




Teilen Sie diesen Beitrag:

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.