Ohne Patriotismus ist alles nichts

Am Morgen des 24. Februar 2022 saß ich im Restaurant meines Lieblingshotels mitten im Zentrum der estnischen Hauptstadt Tallinn, beim Frühstück. Das ist so ein grauer Kasten, Anfang des 20. Jahrhunderts im Jugendstil erbaut. Vermittels einer eleganten Drehtür gelangt man in die holzgetäfelte Lobby und gleichsam auch irgendwie in eine andere Zeit. Eine pompöse Treppe führt in die oberen Etagen und umschwingt dabei den Gitterschacht eines alten Aufzugs mit eisernen Falttüren, wie man es eigentlich nur noch aus Schwarzweißfilmen kennt.

Ich erwähne das, weil es nachvollziehbar macht, warum ich an jenem Morgen beim Frühstück mir unwillkürlich vorzustellen versuchte, wie wohl die Stimmung unter den Gästen am 1. September 1939 gewesen sein mochte. Wahrscheinlich haben sich beide Tage in diesem Hotel kaum voneinander unterschieden. Es wurde aufgeregt getuschelt, statt Smartphones hat man freilich Zeitungen herumgereicht und so richtig etwas Genaues dürfte auch damals niemand gewusst haben. Kein Mensch in Estland konnte und wollte ahnen, dass nur neun Monate später das Baltikum von der Sowjetunion annektiert werden würde.

Allerdings war jener 24. Februar nicht nur der Beginn des Krieges um die Ukraine, sondern auch der estnische Unabhängigkeitstag. Mehr Symbolkraft geht nicht. Nachdem ich also im Frühstücksraum meine gedankliche Zeitreise beendet hatte, begaben wir uns zum Platz der Freiheit, wo Schlag zwölf die Militärparade stattfinden sollte. Tausende Menschen umsäumten das Areal, sangen die Nationalhymne und jubelten den Soldaten zu, die allesamt auch Kokarden mit den ukrainischen Farben an der Uniform trugen.

Wissen Sie, ich konnte ja nicht ahnen, dass just an diesem Tage ein Krieg beginnen würde. Ich besuche immer gerne die Nationalfeiertage in anderen Ländern, weil es so etwas in Deutschland nicht mehr gibt. Man erfreut sich am Patriotismus fremder Völker und blickt gleichzeitig mit einer Mischung aus Wehmut und Mitleid zurück auf die ganze Armseligkeit der eigenen Heimat, die von Politikern regiert wird, welche Vaterlandsliebe „zum Kotzen“ finden.

Noch frappierender wurde die Diskrepanz freilich am Abend. Da versammelten sich zehntausende Esten – aber auch nicht wenige ausländische Besucher – zu Füßen des Freiheitsdenkmals, um an dem alljährlichen Fackelzug durch die Altstadt Tallinns teilzunehmen. Der wird von der EKRE organisiert, der Estnischen Konservativen Volkspartei – wenn man so will das dortige Pendant zu AfD und FPÖ. Patriotische Reden und Lieder, dann der Marsch hinauf zum Domberg, vorbei an Parlament und Russisch-Orthodoxer Kathedrale. Zwischendurch immer wieder die Parole „Eesti eest! – Für Estland!“ als akustisches Band entlang der schier endlosen Prozession aus Fahnen und Fackeln, die keineswegs bedrohlich wirkte, sondern eher an Weihnachten erinnerte.

Anders als in den Jahren zuvor hagelte es diesmal keine Kritik von westlichen Politikern und Medien, aus Brüssel gar, wo derlei patriotische Aufwallungen als rechtsextremistisch und europafeindlich gelten. Man braucht den osteuropäischen Patriotismus stattdessen in der Auseinandersetzung mit Putins Russland, weswegen auch für die Ukraine ganz neue Maßstäbe gelten. Angesichts existenzieller Bedrohungen waren Machthaber schon immer bereit, großzügige Kompromisse einzugehen. Was unter normalen Umständen als Teufelszeug gilt, wird plötzlich allenthalben gebraucht und damit salonfähig.

Als die deutsche Wehrmacht 1941 kurz vor Moskau stand, kreiste auf Stalins Befehl die in der russischen Christenheit hochverehrte Ikone der Gottesmutter von Tichwin in einem Flugzeug über Moskau. Um das Volk bei der roten Fahne zu halten, kannten die Schänder unzähliger Kirchen und Klöster keine Skrupel. So auch heute. War der Patriotismus der Balten, Polen und auch der Ukrainer selbst den Politbürokraten der EU bis anhin stets ein Gräuel, so darf er einstweilen ungehindert walten, um den Menschen dort die Kraft zu spenden, ihre Heimatländer nicht nur gegen die Zudringlichkeiten Moskaus zu verteidigen, sondern auch für die Machtansprüche Brüssels und der NATO zu sichern.

Letztere verlangen freilich eine konsequente Unterdrückung jedweder patriotischen Regung, sobald der Sieg errungen ist. Deswegen ist es in Deutschland mit Vaterlandsliebe und Heimatstolz schon lange vorbei. Allerdings führt das auch zu Problemen, zum Beispiel im Falle einer Bedrohung von außen. Ein Land, in dem Patriotismus kriminalisiert und bekämpft wird, ist seinen Feinden schlechterdings hilflos ausgeliefert.

Dieser Tage nämlich erschien in der WELT ein Gastbeitrag von Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD). Sie kennen sicher diese lustige, stets etwas verwirrt dreinguckende ältere Dame – eine Mischung aus Mrs. Doubtfire und Harry Potter-Widersacherin Dolores Umbrigde. Lang und breit führte sie nun aus, was sie mit jenen 100 Milliarden Euro zu tun gedenke, die Olaf Scholz der Bundeswehr versprochen hatte als erste Reaktion auf den Kriegsbeginn im Osten.

Ich will nicht meckern. Für eine Politikerin ohne jeden militärischen Hintergrund gab Lambrecht sich durchaus redlich Mühe, der Öffentlichkeit ein halbwegs stringentes Konzept zu präsentieren. Im Zeitalter der feministischen Außenpolitik sollte uns das hoffnungsvoll stimmen. Allerdings werden neue Panzer und Flugzeuge und sonstige moderne Waffensysteme allein nicht viel nützen, sollten sie denn tatsächlich eines Tages zum Einsatz kommen müssen. Es braucht nicht nur Schwerter sozusagen, sondern auch Krieger, die bereit sind, sie zu führen und im Ernstfall das Blut ihrer Gegner oder aber das eigene zu vergießen, wenn es darum geht, die Heimat zu verteidigen.

Genau deswegen sind des Bundeskanzlers Milliarden und Frau Lambrechts nette Ideen komplett für die Katz. Denn wichtiger als Rüstungsmilliarden sind Männer, auf die Schillers Zeilen aus dessen Gedicht über Spartas Kampf an den Termopylen passen: „Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl.“

Vor ein paar Jahren jubilierte die türkische Zeitung Yeni Söz, Deutschland würde von seinen eigenen Bürgern im Stich gelassen. Als Beweis dafür diente dem regierungsnahen Blatt eine Gallup-Umfrage, wonach lediglich 18 Prozent der Deutschen bereit seien, für ihr Land zu kämpfen. Bei den Briten und Franzosen sah es nur leidlich besser aus. In dem Beitrag heißt es folgerichtig weiter: „Wenn man dem Forschungsinstitut Gallup glaubt, das gefragt hat, ob die Menschen für ihr Land kämpfen würden, haben die Europäer die weißen Fahnen schon jetzt ausgepackt, falls es zum Krieg kommt.“

Man mag das für einen Ausdruck typisch orientalischen Machogehabes halten und wird sich des Gefühls trotzdem nicht erwehren können, dass die Journalisten von Yeni Söz so falsch gar nicht liegen.

Vaterlandsliebe und Heimatverbundenheit bilden die unveräußerliche Grundlage einer jeden erfolgreichen Landesverteidigung. In den Überlegungen der aktuellen Bundesregierung spielen sie naturgemäß keine Rolle. Solange sich hier nichts ändert, ist jeder Euro für die Bundeswehr reine Geldverschwendung. Geben wir die Milliarden lieber den Polen, Esten, Letten und Litauern.

Deutschland jedoch, das wieder einmal seine Grenzen und damit sich selbst aufzugeben im Begriff ist, erinnert an die tragische Figur des Juden Pinchas aus der Erzählung „Talisman“ des ukrainischen Dichters Wolodymyr Wynnytschenko (1880 – 1951): Pinchas sitzt mit mehreren anderen Häftlingen im Gefängnis, wird von diesen verachtet und gequält. Eines Tages wählen sie einen Zellenältesten. Die Wahl fällt auf Pinchas, der nun hofft, fürderhin etwas besser behandelt zu werden. Tatsächlich darf er bei der eines Tages durchgeführten Flucht als erster aus der Zelle ins Freie kriechen. Dieses vermeintliche Privileg folgt einem grausamen Kalkül der anderen Häftlinge. Die Wachen ergreifen Pinchas nämlich sofort und schlagen ihn tot, was sie allerdings kurzzeitig vom Rest der Ausbrecher ablenkt, die so ungehindert davonkommen.

Die Deutschen werden sich also endgültig überlegen müssen, ob sie sich tatsächlich für den Rest Europas opfern, den Pinchas machen wollen.

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1 Kommentar zu „Ohne Patriotismus ist alles nichts“

  1. Dr. Horst Grünwoldt

    Holger, nicht nur die bekennende „Vaterlandsliebe“ (der Patriotismus) ist in der BRD (bis auf den fußballerischen Lokalpatriotismus) politisch gewollt reduziert worden, sondern auch die „Muttersprache“ im „Vaterlande“ wird zunehmend als höchstes Kulturgut verhunzt wahrgenommen. – – –
    Letztlich geht das nach m.E. auf den Verlust an staatsbürgerlichen Bewußtsein zurück. So beaobachten wir regelmäßig, dass sogar Politiker (gr. Staatskünstler) nicht mehr vom Staat, sondern nur noch vom „Land“ BRD reden. . .
    So ist das in multi-kulti- Nationen, wo es nicht nur an kultureller Integration der Zugewanderten mangelt, sondern an emotionaler Identität mit den Einheimischen wg. ihrer Entwurzelung in den früheren Heimatländern, resp. maroden Herkunfts-Staaten.
    So hat es die BRD als innerlich gespaltene Gesellschaft auch schwer, im Konzert der europäischen Nationalstaaten ihre berechtigten Interessen durchzusetzen; und wird zum Auffangbecken aller „Geflüchteten“ im überlasteten deutschen Sozialsystem! (s.a. die Nachkriegs- „Flüchtlingskrisen“ vom Balkankrieg der späten 1990 er Jahre, über die arabische Invasion seit 2015 bis zum Ukraine-Krieg 2022)
    Dr. med. vet. Horst Grünwoldt, Rostock

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