Scholzomaten am Großen Wannsee

Wär’s abgetan, so wie’s getan ist, dann wär’s gut, man tät‘ es eilig.“ Derart möchte man mit Macbeth seufzen, während auf dem Bildschirm das neueste Filmwerk läuft, mit dem der öffentlich-rechtliche Rundfunk das Volk zuletzt beglückt hat. Angelegentlich des 80. Jahrestages der sogenannten Wannseekonferenz strahlte das ZDF am vergangenen Montag eine Neuverfilmung jener „Besprechung mit Frühstück“ aus, im Rahmen derer 15 Vertreter der deutschen Ministerialbürokratie, der NSDAP sowie des Sicherheitsapparates die „Endlösung der Judenfrage“ aus dem Blickwinkel einer Reihe von Technokraten erörterten.

Was diesen neuen Streifen eigentlich nötig macht, bleibt freilich ein Rätsel. Zum Thema gibt es bereits zwei vorzügliche Filme, nämlich eine deutsche Produktion von 1984 mit Dietrich Mattausch als Reinhard Heydrich sowie eine angelsächsische von 2001, in welcher der Brite Kenneth Branagh diese Rolle spielt. Doch geschenkt! Zumal es ja keineswegs unüblich ist, dass in gewissen Zeitabständen spannende Geschichten immer wieder neu verfilmt werden und uns Zuschauer dann durchaus positiv zu überraschen vermögen.

Matti Geschonnecks „Wannseekonferenz“ jedoch enttäuscht auf der ganzen Linie. Wenn die deutschen Medien den Film nichtsdestotrotz in den höchsten Tönen loben, liegt das weniger daran, dass wir hier die gelungene künstlerische Auseinandersetzung mit einem verstörenden historischen Ereignis vor uns haben, sondern die Instrumentalisierung eines solchen für aktuelle politische Zwecke. Gleichwohl geht der Schuss nach hinten los, wie wir noch sehen werden.

Schon die Eingangsszene entspricht nahezu exakt jener im Film von 1984, für den Paul Mommertz das Drehbuch schrieb. Und so geht es weiter. Damit sich die beiden Filme auf der Textebene überhaupt voneinander unterscheiden, werden zwar dieselben Sätze aufgesagt, allerdings von einer anderen Person. In der älteren Verfilmung sagt beispielsweise Reinhard Heydrich etwas, das in der neueren Version von Gestapo-Chef Müller gesagt wird und so weiter. Kann man machen. Schließlich weiß niemand genau, was da wortwörtlich auf jener Konferenz gesprochen wurde. Es existiert zwar ein 15-seitiges Protokoll, das aber nur ein Verlaufsprotokoll ist und kein Wortprotokoll. Eine weitere Quelle sind die Aussagen von Adolf Eichmann während des Prozesses gegen ihn in Israel rund zwanzig Jahre später.

Angesichts der dürren Datenlage erfordert es von jedem Drehbuchautor und Regisseur großes Verantwortungsbewusstsein, werden doch historischen Personen möglicherweise Äußerungen in den Mund gelegt, die sie gar nicht getätigt haben. Im Falle der Wannseekonferenz mag das aus heutiger Sicht lässlich erscheinen. Alldieweil es sich ohnehin und ausnahmslos nur um Verbrecher handelt, argumentieren manche, braucht man an dieser Stelle nicht so pingelig sein. Freilich wäre das die zutiefst unredliche Herangehensweise, mit der Veit Harlan seinerzeit „Jud Süß“ gedreht hat. Und so lässt Geschonneck in seinem Film den SS-Gruppenführer Otto Hofmann das aktuell immer wieder diskutierte Wort „Umvolkung“ aussprechen, obwohl dieses sich im Besprechungsprotokoll überhaupt nicht findet.

Noch fragwürdiger ist die Darstellung der Rolle des Friedrich Wilhelm Kritzinger, in jenen Tagen Ministerialdirektor in der Reichskanzlei. Er war der einzige nach dem Krieg noch lebende Teilnehmer der Wannseekonferenz, welcher seine Anwesenheit bei jener von sich aus offen eingestand sowie Reue und Scham zeigte. Es gilt ferner als historisch gesichert, dass Kritzinger zum Zeitpunkt der Konferenz keine detaillierten Kenntnisse über den anlaufenden Völkermord in Osteuropa besaß. Im aktuellen Film wird er uns – anders als 1984 – dennoch präsentiert als jemand, der über die Gräueltaten der SS-Einsatzgruppen bestens informiert war.

Offenkundig scheint es heutzutage politisch nicht korrekt zu sein, sich in einem Film über das Dritte Reich dem Umstand zu stellen, dass es durchaus Protagonisten gab, deren Persönlichkeit vielschichtiger war und auch einem, wenngleich in der Praxis unterdrückten Unbehagen Raum bot. Gerade das stellt uns Nachgeborene jedoch vor die so bedrückende wie kaum zu beantwortende Frage, warum sich solche Zweifler am Ende trotzdem willfährig in den Dienst von dererlei Verbrechen stellten.

Geschonnecks Film muss sich überdies den Vorwurf gefallen lassen, Hannah Arendts Diktum von der „Banalität des Bösen“ nachgerade konterkariert zu haben. Er zeigt uns eine Versammlung von zombiehaften Automaten, die hölzern und monoton, bar jeder Mimik und Gestik, in einer befremdlich unrealistischen Weise ihre Sätze herunterspulen und eben nicht von im Grunde gewöhnlichen Menschen. Es scheint ergo fast unglaublich, dass sich die Wannseekonferenz so abgespielt haben soll. Da es sich bei den Darstellern um durchweg respektable Schauspieler handelt, ist diese merkwürdige Inszenierung offenbar gewollt.

Wir erinnern uns: Schon bei dem deutschen Film „Der Untergang“ von 2004 wurde ernsthaft die absurde Frage diskutiert, ob man Hitler als menschliches Wesen darstellen dürfe, das durchaus auch mal charmant sein kann und den Genuss von Schokoladenkuchen liebt.

Also präsentiert man dem Publikum – ganz dem Zeitgeist entsprechend – einen antiseptischen Gruselfilm und verhindert gerade dadurch, dass der individuelle Zuschauer einen persönlichen Zugang zu den Ereignissen an diesem 20. Januar 1942 in jener Villa am Großen Wannsee 56/58 findet.

Ganz anders die Verfilmung des Themas aus dem Jahre 1984 im Auftrag des Bayerischen Rundfunks. Hier wird uns auf verstörende Weise eine Konferenz vorgeführt, wie sie in der Form wohl jeder Angestellte in leitender Funktion schon mal erlebt hat. Die Stimmung ist locker, ja beinahe heiter. Witze werden erzählt und in der Pause gibt es nicht nur Schnittchen, sondern auch Cognac und Zigarren. Und alle scharwenzeln um den Chef in der Hoffnung auf eine Beförderung. Mittendrin Reinhard Heydrich als jovialer Tagungsleiter, der zuweilen Mühe hat, die hin und wieder ausufernde Diskussion unter Kontrolle zu halten. Zwischendurch schläft einer der Teilnehmer sogar ein. Was für eine nette Atmosphäre, mag mancher denken, fast wie bei unserer letzten Abteilungsleiterversammlung. Doch gleichzeitig wird der Zuschauer gnadenlos hineingezogen in das Thema jener Konferenz, dass es hier eben nicht um die Einführung eines neuen Arbeitszeitmodells geht, sondern um die Ermordung von Millionen Menschen. In diesem Augenblick gefriert einem das Blut in den Adern und die Banalität des Bösen offenbart sich in ihrer ganzen Entsetzlichkeit.

Eigentlich sämtliche Rezensionen in den etablierten Medien betonten die Bedeutung der Wannseekonferenz für unsere heutige Zeit, nämlich wie aus totalitärer Sprache am Ende verbrecherisches Handeln wird. Das ist natürlich richtig und in der Tat verblüffend aktuell, wenn im Film zum Beispiel darüber debattiert wird, inwieweit erst freiwillig, dann zwangsweise sterilisierte „Mischlinge“ wieder am gesellschaftlichen Leben teilhaben dürfen. Rote Linien gab es auch damals nicht. Die totalitären Mechanismen, welche eine Wannseekonferenz möglich machten, treten immer wieder auf und zwar in vielerlei Gestalt.

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