Die AfD und das Bürgertum – eine Replik auf Frank-Christian Hansel

Frank-Christian Hansel, Berliner AfD-Politiker und Mitglied des dortigen Abgeordnetenhauses, hat den angekündigten Rückzug von Bundessprecher Jörg Meuthen von der Parteispitze zum Anlass genommen, seinen Mitstreitern einmal mehr ordentlich ins Gewissen zu reden. In einem geradezu flehentlichen Aufsatz beschwört der Mann die Parteibasis, endlich zu erkennen, dass die AfD in Deutschland eines Tages das Ruder nur dann würde herumreißen können, wenn sie das Bürgertum für sich gewänne. Dieses teile zwar sehr viele Ansichten der Partei, würde ein öffentliches Bekenntnis zu jener aber nicht über sich bringen, um sich von der “medial nachhaltig beschädigten Marke AfD nicht ‘beschmutzen’ zu lassen”. Kurzum träumt Hansel davon, dass “bürgerliche Dissidenten” aus der Werteunion oder Intellektuelle wie Peter Sloterdijk, Norbert Bolz und Gunnar Heinsohn dereinst nicht nur “die Texte der AfD reden”, sondern sich offen auf deren Seite stellen.

All das ist freilich nicht neu. Solange ich die AfD kenne, also vom Tag ihrer offiziellen Gründung im Berliner Hotel Interconti an (der war gleichzeitig auch mein 40. Geburtstag), wird diese Debatte geführt. Was ist die Hauptzielgruppe der AfD? Für den Spitzenkandidaten hier oben bei uns in Mecklenburg-Vorpommern war die Sache während des jüngsten Wahlkampfes ziemlich klar. Auch Leif-Erik Holm hatte die “bürgerliche Mitte” fest im Blick. Ich frage mich dann immer, was sich diese Leute unter Bürgertum so vorstellen. Schauen wir mal auf meine Heimatstadt Rostock. Dort gibt es gar kein Bürgertum. Wenn es nämlich eines gäbe, hätten wir schon längst das seit Generationen herbeigesehnte neue Stadttheater. Das alte wurde im Zweiten Weltkrieg vor 79 Jahren zerstört.

Was hat das jetzt mit dem Bürgertum zu tun? Ganz einfach. Nachdem 1880 das erste Rostocker Theater einer Feuersbrunst zum Opfer gefallen war, ging man ein Dutzend Jahre später daran, einen Neubau in Angriff zu nehmen. Das neobarocke Prachtstück war 1895 fertig und hatte rund 600.000 Reichsmark gekostet. Und nun kommt es: Bezahlt hatte den Spaß ausschließlich das Rostocker Bürgertum durch Spenden oder testamentarische Verfügungen. Von der Obrigkeit, sprich vom Großherzog in Schwerin, gab es keinen Pfennig. Tja, so lief das in jener “lieben Zeit, der guten alten Zeit” von der im Vorspann des “Königlich Bayerischen Amtsgerichts” stets die Rede ist. Sie erinnern sich vielleicht.

Indes wartet Rostock, ehedem als “Bayreuth des Nordens” bei Kennern in hohem Ansehen stehend, seit vielen Jahrzehnten auf ein neues Stadttheater. Woran liegt’s? Am Geld natürlich. Denn heutzutage soll der Staat so etwas wuppen und der hat es knapp. Wo aber ist das Bürgertum? Es gibt wohl noch so ein paar Professoren, Zahnärzte und Rechtsanwälte oder was man sonst wie aus der Pistole geschossen mit dem Terminus “Bürgertum” in Verbindung bringt, die sich in einem Förderverein engagieren. Die spendieren dann mal einen neuen roten Läufer für das Vestibül der Notspielstätte im Patriotischen Weg (ja doch, der heißt wirklich so) oder so Kleinigkeiten, aber für mehr reicht es dann leider doch nicht.

Wir sind übrigens in der Rostocker Steintor-Vorstadt aufgewachsen, freilich zu einer Zeit, da Bürgertum als Schimpfwort galt. Von jenem geblieben waren nur einst prächtige aber nun heruntergekommene Villen mit bröckelnden Stuckdecken und quietschenden Flügeltüren. Hier und da unterm Dach lebten noch Zeitzeugen aus den Tagen, da in diesem Viertel das Geld für ein neues Stadttheater zusammenkam. Ein Schulfreund wohnte in der Villa, die einst dem Großvater von Walter Kempowski gehört hatte. Letzterer beschrieb in seinen Büchern, wie es weiland zuging in bürgerlichen Kreisen. Samstagabend ging man zur Opernpremiere ins nigelnagelneue Theater am Rosengarten und lud hernach die Künstler zur Premierenfeier in den heimischen Salon. Tags darauf wurde die Kutsche angespannt, fuhr man nach Warnemünde ins Kurhaus zum Tee. Auf der Promenade immerfort den Hut etwas lüften: Ah, der Herr Kommerzienrat mit Gattin. Habe die Ehre.

Wenn nun in der AfD vom Bürgertum geredet wird, beschleicht mich stets irgendwie der Verdacht, es sei wohl diese Welt aus den Romanen von Theodor Fontane und Thomas Mann, die jenen vorschwebt, welche die Partei in den angeblich besseren Kreisen für nicht satisfaktionsfähig halten. Wissen Sie, ich muss ja immer grinsen über die Plakate der MLPD im Stil der 1930er Jahre und an die Arbeiterklasse appellierend. Diese Leute werden nie ein Parlament von innen sehen, alldieweil es das Proletariat nicht mehr gibt. Als soziale Schicht, ausgerüstet mit Klassenbewusstsein und entsprechenden Überlegenheitsgefühlen hat es ausgedient. Es hat sich aufgelöst in den Entwicklungen der modernen, digitalisierten Gesellschaft, der Emanzipation, von Individualisierung und Pluralisierung – günstigstenfalls wie der Zucker im Kaffee, im schlechten Fall ohne Spuren. Es ist zu einer historischen Lebensform geworden. Dem Bürgertum ist es ähnlich ergangen. Es existiert höchstens noch auf dem Zauberberg.

Ich möchte niemandem zu nahe treten, kann mich aber des Eindrucks nicht erwehren, dass Leute wie Herr Hansel auf die AfD projizieren, wonach sie sich selbst so sehr sehnen: Anerkennung, Nobilitierung in gewisser Weise durch die Galionsfiguren bildungsbürgerlicher Restbestände. Das ist verständlich. Wer möchte das nicht? Meine Großeltern waren ja für DDR-Verhältnisse so etwas wie Unternehmer und sahen sich wohl auch selbst als Bewahrer einer gewissen Bürgerlichkeit im Arbeiter- und Bauernstaat. Sonntags ging man flanieren in der Fußgängerzone im Anzug und mit Hut. Ein bisserl Buddenbrooks unter den Bedingungen des real existierenden Sozialismus. Grüßen hier und grüßen da, wen man halt so traf. Zurück am Kaffeetisch hieß es dann, man habe den Herrn Professor soundso getroffen oder der Besitzer des Antiquitätengeschäfts am Brink sei mit seiner Frau auf einen Plausch stehen geblieben. Da leuchteten die Augen, straffte sich die Brust. Wer mit solchen Honoratioren verkehrt, der ist doch wer. Und ja, es machte aus elterlicher Sicht schon einen Unterschied, dass einer meiner besten Schulfreunde der Sohn des Direktors der Margarinefabrik war und der andere Spross eines stadtbekannten Theologen. Genützt hat es nüscht. Ich landete in der Arbeiterklasse, die es damals noch gab, und ging in der Druckerei der Ostseezeitung knuffen. Die befindet sich übrigens noch heute dort, wo einst unser herrliches Theater stand.

So schließt sich der Kreis. Vom einstigen Kulturtempel des Rostocker Bürgertums sind nur ein paar Kellergewölbe geblieben, in denen man Papierrollen lagert. Aus jenen wiederum werden dann Zeitungen gemacht, aus welchen sich die Leser über das informieren können, was das Volk heutzutage eben so interessiert. Ganz gewiss sind das nicht die Schriften irgendwelcher hochmögenden Philosophen, Professoren, Akademiker und sonstigen Welterklärer. Und das ist das Problem: Der Köder muss dem Fisch schmecken und nicht dem Angler. Die Masse der Menschen in unserem Lande hat noch nie etwas gehört von Peter Sloterdijk oder Werner Patzelt, ja noch nicht einmal von Thilo Sarrazin – Buchauflagen hin und her.

Es sind vielmehr die Leute, welche nie auf Promenaden flanieren oder zu Opernpremieren gehen. Es sind die Leute, die abends zu erschöpft sind, um sich noch ein paar Beiträge auf Tichys Einblick reinzuziehen, wenn nebenan das Kind schreit und die Frau wieder mit der andauernd defekten Waschmaschine kämpft. Es sind die Rentner, die im Müll wühlen müssen, um über die Runden zu kommen. Es sind die Eltern, die permanent an unserem Bildungssystem verzweifeln, während die Bonzen ihren Nachwuchs ganz gutbürgerlich auf Privatschulen schicken. Diese Leute müssen und können nur die Klientel der AfD sein, wenn es ihr Ernst mit Deutschland und den Deutschen ist. Mag sein, dass sich die Herrschaften in den Rotweinlagen an der AfD, so wie sie jetzt ist, nicht “beschmutzen” wollen, wie Hansel mutmaßt. Die einfachen, die sogenannten kleinen Leute haben damit erfahrungsgemäß weitaus weniger Probleme.

Foto: Villen in der Rostocker Kaiser-Wilhelm-Straße um 1900

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8 Kommentare zu „Die AfD und das Bürgertum – eine Replik auf Frank-Christian Hansel“

  1. Guten Abend sehr geehrter Herr Arppe. Ein Glas Wein dazu eine Zigarette und ihren grandios verfassten Text. Klasse auf den Punkt gebracht. Wir lesen 8hre Texte aus zweierlei Gründen sehr gerne. Der erste Punkt ist der das Sie die Fahne der geschriebenen deutschen Sprache tapfer hochhalten. Es ist eine wahre Wonne das Sie auch gerne “alte” Worte verwenden. Zweitens sei anzumerken das Ihre Themenauswahl topp getroffen ist. Ich freue mich auf ein baldige neues Essay zu aktuellen Themen. Grüße aus Wedel von Raiko & Carina ( Exilrostocker aus Wedel)

    1. Vielen Dank! Ihr Lob und der Zuspruch vieler anderer Leser meiner Beiträge bestärken mich in der Überzeugung, dass meine künftige Rolle wohl eher die des publizistischen Begleiters und konstruktiven Kommentators der AfD und ihrer Politik sein soll und nicht die des Berufspolitikers im Landtag oder sonst wo. Gleichwohl freut es mich nichtsdestoweniger, wenn doch nicht wenige Leute mein nunmehriges Ausscheiden aus dem Schweriner Landtag bedauern.

  2. Florian Schönauer

    Mal wieder sehr schön geschrieben! Das von den bürgerlichen Eltern vererbte Gen für Sprach- und Stilsicherheit, hat trotz der scheinbar “proletarischen” Karriere als Drucker und Lithograph, wohl weiter Bestand gehabt und wurde mit den Jahren weiter verfestigt und verfeinert. Sonst wären solche Betrachtungen, nicht möglich! Bei der zukünftigen strategischen Ausrichtung, der Blauen, wäre man klug beraten, wenn man sich mal die alte Programmatik der SPD, aus den 70 Jahren etwas näher betrachten und in leicht adoptierter Form übernehmen würde. Der SPD war nämlich das Kunststück gelungen, als bis dato “Partei der kleinen Leute”, auf einmal auch für die intellektuelle Boheme, anziehend zu wirken und dies hielt sich bis in die 90er Jahre( bevor sie durch immer stärkeren Linksruck und “Gaga- Themen”, schwer an Terrain einbüßte!) Die AfD hätte durchaus die Chance, (wenn man denn nur wollte), beiden Seiten, eine politische Heimat zu bieten. Es gibt genügend kluge Leute, die, die Verlogenheit und Inhaltslosigkeit der Linksagenda durchschaut haben und wieder konservativen Denkansätzen folgen, jedoch durch die kleingeistigen, Betonkopf- Funktionäre der AfD, abgeschreckt werden. Bestes Beispiel Klonovsky. Was hätte man mit diesem brillianten Kopf, im Bundestag alles erreichen können? Man hätte den politischen Gegner, mit immer neuen geistreichen Attacken wirklich ” jagen” können… Aber, nein, dazu fehlt dann doch der Mut und der Blick für unkonventionelle PR & Medienarbeit !!!
    Da die CDU komplett sämtliche ehemals konservative Positionen aufgegeben hat, sähe ich längerfristig gute Chancen, dieses Vakuum, längerfristig zu bespielen. Voraussetzung wäre jedoch eine Partei, die professionell & clever agiert, nur so etwas wirkt ” sexy und anziehend”, aber nicht dieses nie enden wollendes Bauerntheater….

    1. Das Problem ist doch, dass die AfD über keinerlei Strategie verfügt. Sie hat keinen Fahrplan zur Macht, den sie (freilich situationsbedingt) abarbeitet. Es ist alles nur ein Herumgeeiere auf Sicht, bestenfalls ein reagieren auf die Torheiten der anderen Parteien aber auch nicht mehr. Die AfD ist wie ein Schiff mit sich ständig streitenden Seeleuten, die auf Schatzsuche gehen wollen, aber keine Karte und keinen Sextanten haben und nicht mal sicher sind, ob die Insel mit dem Piratengold im Indischen Ozean oder in der Ostsee liegt.

  3. Ach so, ja. Das Bürgertum „teile zwar viele Ansichten der Partei, würde ein öffentliches Bekenntnis zu jener aber wegen ‚medialer Beschmutzungsgefahr‘ nicht über sich bringen.“ Aha, soso.

    Mein Vorschlag: lasst es leiden, dieses „Bürgertum“. (Rest-)Vermögensbeschlagnahme, ein Blackout-Winter in Finsternis und Kälte bei knappen Speisen inklusive. Dazu alle drei Monate ein kleiner „Pieks“ mit notfallzugelassenen Gentherapeutika und unklaren Langzeitfolgen. Und mit gelegentlichen Quantum-Tattoo-Chipimplantaten zur Erlangung einer Art „Restfreiheit in den Smile Cities dänischer Möbelhändler“ (vulgo: Smart-City-Überwachungsstädten nach chinesischem Vorbild).

    Und wer dann in ein paar Jahren noch übrig ist, der soll sich weiter grämen über „mediale Beschädigung bei Identifikation mit der Marke AfD“. Denn zum Schluss bekommt halt irgendwie doch jeder, was er verdient. Nichtsahnende und gelegentlich indoktrinierte Kinder und Jugendliche tun mir dabei zwar leid, aber Kollateralschäden sind auch bei niedrigschwelliger Kriegsführung nun mal quasi unvermeidlich. 🤷‍♂️

    Sarkasmus aus. Weiter schlafen und Tagträumen nachhängen!

  4. Holger Gutknecht

    Hallo Herr Arppe, seit gemeinsames Jahren in der AfD und ihrer “Entfernung ” aus ihr, lese ich gerne ihre Einlassungen zu Themen, welche gewisse Verdächtige in der Partei vermeiden.
    Es gibt kaum das echte Bürgertum in der Hansestadt, welches schon die Kommunisten bezeichneten.
    In den Veröffentlichungen der AfD wird definitiv das Wort Arbeiterklasse vermieden! Diese Wähler wurden nie angesprochen. Eine CDUFDP II braucht diese Republik nicht ! Die Quittung bekam die AfD bei der letzten Wahl im Westen. …und der Abwärtstrend geht weiter. Schade um diese Partei und ihrer Grundidee.

  5. Replik zur Replik

    Die nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch im Feuilleton geführte Debatte um das Verschwinden des Bürgertums ist mir keineswegs entgangen. Weder bin ich naiv noch suche ich in jenen Kreisen nach Anerkennung. Darum geht es nicht. Ich war vor 15 Jahren 10 Jahre oder länger Mitglied im geschäftsführenden Vorstand der “Initiative Hauptstadt Berlin e.V.”, einer reputativ durchaus guten Adresse in Berlin. Ich habe da keinen Nachholbedarf.
    Worum es geht, ist, die Leute, die ja schon soweit sind und erkannt haben, was alles politisch falsch läuft im Land, beim Worte zu nehmen und Ihnen zuzurufen: Nicht nur reden, jetzt macht mal!
    Ich spreche die von mir so genannten “bürgerlichen Dissidenten” an, die, wenn sie politisch nocvh irgendwie ernst genommen werden wollen, sich jetzt mal bekennen sollten, wollen sie nicht als Schwätzer irrelevant bleiben. Es geht nur MIT und IN der AfD!
    Wenn in diesem Diskurs übrigens von “Bürgerlichen” die Rede ist, dann sind damit nicht die Honoratioren gemeint, von denen Kollege Arppe spricht, natürlich nicht. Wohl aber Leute AUS!, nicht IN!, der Mitte der Gesellschaft, also Leute wie Du und ich; mithin diejenigen “Normalos”, die die AfD in den Mittelpunkt des Wahlkampfs gestellt hat (“Deutschland, aber normal”); Familienleute, die morgens früh raus müssen,die Kinder in die Schule fahren, arbeiten, keinen Bock auf Autostaus haben, auch noch Fleisch essen u.s.w.
    Für DIESE Leute machen wir Politik und die Ansprache ist auch in Ordnung. Es ist ja auch bundesweit dieselbe Ansprache, die aber in Ost und West auf einen jeweils unterschiedlichen Resonanzboden der eben unterschiedlich politisch Sozialisierten in Ost und West trifft.
    Ich bleibe dabei und sehe bislang in der Debatte noch kein besseres Rezept, als den Versuch, die Wählerbasis substanziell zu erweitern. Und dazu bedarf es auch Meinungsführer aus der “dissidenten” Elite. Das sickert dann auch weiter durch, auch mediual, und vermindert die Hemmschwelle weiterer Kreise zu uns zu finden.
    Mehr “Höcke” (als Chiffre) hilft uns auf alle Fälle nicht. Im Westen. Wo die Wahlen gewonnen werden. Punkt.

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