Leben in der Diktatur (Teil 2) – Eine Oase in der Wüste des Zeitgeistes sein

Inmitten meiner mecklenburgischen Heimat liegt das Dorf Linstow. Es ist von Rostock aus schnell erreicht. Es sei denn, man ist mit einem Lastenfahrrad unterwegs. Der Ort liegt direkt an der A 19 und verfügt sogar über eine eigene Abfahrt. Nach dem Zweiten Weltkrieg siedelten sich daselbst 73 wolhyniendeutsche Familien an, die man aus ihrer angestammten Heimat in der nordwestlichen Ukraine vertrieben hatte. Sie errichteten in Linstow ihre traditionellen Holzhäuser mit Strohdach und pflegten fortan die uralten Bräuche ihrer Vorfahren. Irgendwie überlebte all das auch die vierzig Jahre DDR-Sozialismus. Heute wird das Erbe der Wolhyniendeutschen in einem kleinen aber feinen Museum bewahrt (siehe Video hier). Manche Vorbeireisenden sind durchaus erstaunt, wenn sie eher zufällig des Weges kommen. Die meisten Leute, mit denen ich darüber sprach, haben von Wolhynien und jener ehedem dort beheimateten deutschen Minderheit noch nie etwas gehört.

Heute werden wir nicht unbedingt vertrieben im eigentlichen Sinne des Wortes. Stattdessen bleiben wir, wo wir sind, aufwuchsen, ja vielleicht schon unsere Eltern und Großeltern gelebt haben. Jedoch ändert sich unser Lebensumfeld zusehends und in immer mehr Gegenden der Bundesrepublik haben immer mehr Menschen das Gefühl, tatsächlich nicht mehr im selben Land zu leben wie die Vorfahren. Das ist auch eine Form der Vertreibung. Wie kann man dem entgegenwirken? Wie können wir unsere Traditionen, unsere kulturelle Identität, unsere Bräuche, unser Volkstum an sich bewahren, mithin alles das, was sonst unwiderruflich vom Winde übermächtiger und kaum noch aufzuhaltender Veränderungen verweht würde?

Hier ein paar Anregungen:

Da ist zunächst die Pflege unserer wundervollen deutschen Sprache. Verweigern wir uns dem fürchterlichen Gender-Sprech aber auch allen anderen Verhunzungen, wie jenen allgegenwärtigen Anglizismen. Das Sprachvermögen vieler Deutscher, vor allem der Heranwachsenden, ist bereits dermaßen degeneriert, dass sie gar nicht mehr in der Lage sind, die literarischen Werke früherer Epochen zu lesen und erst recht nicht, deren Inhalt kognitiv zu erfassen. Es ist ja gerade das Ziel der Machthaber, die Sprache so zu manipulieren, dass abweichende Meinungen nicht mehr nur nicht ausgesprochen, sondern überhaupt nicht mehr gedacht werden können. Dem entgegenzuwirken, indem wir bewusst und verantwortungsvoll unsere Sprache besonders auch in der Öffentlichkeit gebrauchen, ist eine wichtige Aufgabe.

Es geschah nicht ohne Grund, dass die Nationalsozialisten schon kurz nach ihrer Machtübernahme die Bücher vieler bedeutender Schriftsteller auf Scheiterhaufen verbrannten. In Rostock errichteten sie einen sogenannten Schandpfahl vor der Universität, an dem entsprechende Bücher festgenagelt und somit als missliebig gekennzeichnet waren. Auch heute ist man wieder dabei, den Machthabern unbequeme Werke zu brandmarken und auszusortieren. Umso wichtiger ist es, dass wir unser literarisches Erbe schätzen und bewahren. Wir sollten möglichst viel Zeit mit dem Lesen der Bücher großer deutscher aber auch europäischer Autoren verbringen, vor allem die Heranwachsenden frühzeitig mit deren Schaffen vertraut machen. Besonders optimistisch stimmt mich, dass sich in freiheitlich-patriotischen Kreisen der gute, alte Lesekreis wieder einer wachsenden Beliebtheit erfreut.

Gleiches gilt für Musik. Unser traditionelles deutsches Liedgut gerät immer mehr in Vergessenheit. Wer kennt noch das Ännchen von Tharau oder den Jäger aus Kurpfalz? Bei meinen Reisen durch Osteuropa oder auch in den Kaukasus habe ich häufig erlebt, wie liebevoll die dort lebenden Völker ihre Lieder bei mancherlei Gelegenheit singen und an die nächste Generation weitergeben. Wer einmal die alle fünf Jahre stattfindenden Sängerfeste in den baltischen Republiken miterlebt hat, wird zutiefst berührt sein von deren patriotischer Kraft (Video siehe hier). In Deutschland sind Volkslieder hingegen verpönt. Als der Barde Heino unlängst zu einem “deutschen Liederabend” lud, musste er sich den Vorwurf des Rechtsextremismus gefallen lassen. So weit ist es bereits! Lassen wir uns davon nicht irritieren. Singen wir allein, im Freundes- oder Familienkreis die überlieferten Weisen, wie es einst die Ahnen taten. So gewinnen wir Kraft und Lebensfreude für den Kampf mit einer feindlichen Umwelt.

Hand aufs Herz! Wann haben wir zuletzt einen richtige Brief geschrieben? Auf gutem Papier mit Füllfederhalter und dann ins Couvert, Marke rauf und ab in die Post? Das dürfte freilich schon eine Weile her sein. Heutigentags dominieren elektronische Post oder ins Mobiltelefon getippte Kurznachrichten. Was für ein kultureller Verlust, wenn man bedenkt, dass der Briefwechsel zwischen einer Reihe von Persönlichkeiten früherer Epochen später zur Weltliteratur gezählt wurde. Noch in den 1990er Jahren habe ich sehr viele Briefe handschriftlich verfasst. Es vergingen dann Tage, oft sogar Wochen, bis die Antwort eintraf. Das war jedesmal ein bisserl wie Weihnachten, zumindest, wenn der Brief von einem guten Freunde kam. Ich halte es aber noch aus einem anderen Grunde für überlegenswert, ob eine teilweise Rückkehr zur analogen Korrespondenz nicht sinnvoll wäre: Briefe sind nämlich sicherer als E-Mails oder WhatsApp-Nachrichten im Internet.

Niemand lässt sich gerne vorschreiben, was er oder sie anziehen sollte. Darum geht es hier auch nicht. Trotzdem bin ich der Meinung, man kann sich durchaus von seiner Umwelt positiv unterscheiden, indem man sich anders, bewusster kleidet und vermittels dessen einen Kontrapunkt setzt inmitten einer verlotternden Gesellschaft. Ich erinnere mich eines alten Mannes, der zu meiner Jugendzeit in unserem Hause wohnte. Wie er in seinen vier Wänden herumlief, weiß ich nicht, aber für die täglichen Spaziergänge in die Innenstadt trug er stets Anzug, Krawatte und Hut. Allein die Tatsache, dass mir derlei nach weit mehr als dreißig Jahren noch präsent ist, zeigt, welchen Eindruck Menschen auf ihre Umwelt machen, die sich entgegen den Vorgaben des Zeitgeistes kleiden. Sie fallen auf, regen ihre Mitmenschen zum Nachdenken und zur Selbstreflexion an.

Wer sein Leben wenigstens ein Stück weit als bewussten Gegenentwurf zum herrschenden Zeitgeist gestaltet, hier und dort ein Zeichen setzt, das ausdrückt “Ich bin anders”, der mag auf den ersten Blick vielleicht nicht allzu viel erreichen. Auf lange Sicht könnte das aber der entscheidende Beitrag sein, unserer deutschen und europäischen Kultur nach einer Ära des Niedergangs zu neuer Blüte zu verhelfen.

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3 Kommentare zu „Leben in der Diktatur (Teil 2) – Eine Oase in der Wüste des Zeitgeistes sein“

  1. Ja die Welt dreht sich immer schneller und wird hektisch, jeder verhält sich als würde er täglich etwas verpassen und ist rastlos auf der Suche ohne es je zu finden, es sind die einfachen Dinge im Leben, die es lebendswert machen, Pilze sammeln, Angeln, im See schwimmen, auf einer Bank sitzen, den Nebel aus den Wiesen hochziehen sehen, an einem Feuer zu sitzen, auch wenn das Lied nicht zum alten Kulturgut gehört von Silbermond Irgendwas bleibt :sag mir. Das dieser Ort hier sicher ist und alles Gute steht hier still………

  2. Lieber Holger,
    wieder mal ein wirklich sinnvoller Beitrag, der Mut zum “Selbertun” macht!
    Vor drei Jahren hatte ich in Las Palmas de Gran Canaria eine Veranstaltung im Parque de Santa Catalina besucht, die der dortigen traditionellen Musik und den Tänzen gewidmet ist. Traditionsgruppen in ihrer Kleidung begleiteten jedes 2. Lied; dazwischen stand die Tanzfläche auch allen anderen Interessierten offen. Es war eine Freude zu sehen, mit welcher Liebe die Menschen dort ihre Traditionen nicht nur hochhalten, sondern auch leben und pflegen.

    Übrigens – vielen Dank für Deine Zeit, die Du uns an dem Samstag gewidmet hattest und viele Grüße auch von Bernd. Können wir gerne wiederholen.

    Herzliche Grüße,
    Axel.

  3. Klasse geschrieben, das ist unsere Sprache. Ganz toll. Thematisch ist das natürlich auch eine Punktlandung. Gruß von dem Exilrostocker aus Wedel dem Raiko.

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