Zur Lage der AfD – Hat Thor Kunkel recht?

Dieser Tage veröffentlichte der Schriftsteller und PR-Berater Thor Kunkel auf Facebook eine Art Wuttext, aus welchem ein beachtlicher Fatalismus in Bezug auf die Zukunft Deutschlands herauszulesen war. Vor allem zeigt sich Kunkel zutiefst enttäuscht von der AfD. Sein Frust kulminiert in der Feststellung, wer blau wähle, sorge nur noch dafür, “dass ehrbare Pensionäre und gescheiterte Existenzen ihren Lebensstandard halten können”. Das klingt kaum anders als hätte er rundheraus konstatiert, dass die AfD gescheitert sei.

Es soll hier keineswegs allein darum gehen, ob Kunkel recht hat oder nicht. Schaut man sich jedoch den Landesverband Mecklenburg-Vorpommern an, spricht vieles dafür. Die Mitgliederzahlen seien rückläufig, gute Leute würden aus der Partei gemobbt, über die Verteilung von Posten und Mandaten entscheide kritiklose Ergebenheit gegenüber Landessprecher Leif-Erik Holm. Wer bei jenem in Ungnade falle, hätte fürderhin nichts mehr zu lachen. Günstlinge hingegen genössen Narrenfreiheit. So lauten zumindest die Vorwürfe von großen Teilen der Parteibasis.

Letztlich weiß schon die Bibel, dass man an den Früchten erkenne, ob etwas gut oder schlecht sei. Hier sieht es freilich eher mickrig aus bei der AfD im Nordosten. In der Öffentlichkeit findet die Partei tatsächlich kaum statt, wichtige Themen besetzen andere. In Rostock – immerhin die Heimat von rund 13 Prozent der Wähler des Bundeslandes – ist die AfD quasi nicht mehr existent. Die Amtsenthebung des mutmaßlich Holm-kritischen Kreisvorstandes hatte zur Folge, dass die Parteistrukturen in der größten und bedeutendsten Stadt von Mecklenburg-Vorpommern gleich mit implodierten. Seitdem ist an der Warnow die AfD tot.

Dementsprechend sieht es auch bei den Umfrageergebnisse dahier nicht gerade rosig aus. Eine aktuelle Erhebung taxiert die AfD in Mecklenburg-Vorpommern bei nur noch 16 Prozent (SPD: 27%, CDU: 23%, Linke: 12%, FDP: 7% und Grüne: 7%). Eine Wechselstimmung ist weder erkennbar, noch von der AfD jemals offensiv befördert worden. Im Gegenteil: 62 Prozent der Bürger sind laut Umfrage mit der aktuellen Landesregierung zufrieden. Richtig peinlich scheint überdies, dass mehr als Dreiviertel der Wähler den Spitzenkandidaten der AfD und Oppositionsführer im Schweriner Landtag, Nikolaus Kramer, überhaupt nicht kennen – nach fünf Jahren!

Fazit: Selbst wenn die AfD am Ende des Tages wieder bei ihrem Wahlergebnis von 2016, also bei rund 20 Prozent, landen sollte, würde die Fraktion sehr viel weniger Abgeordnete umfassen, was insbesondere dem erwartbaren Einzug von Grünen und FDP geschuldet wäre. Weniger Abgeordnete bedeutet weniger Fraktionsmitarbeiter und geringere Ressourcen, vor allem weniger Geld. Hier wird sich bitter rächen, dass die AfD in den zurückliegenden fünf Jahren ihre durchaus üppigen Möglichkeiten nicht genutzt hat, um in den vorpolitischen Raum auszugreifen, eine Art “Zivilgesellschaft von rechts” auszubauen. Kurzum, die ohnehin schon äußerst dürftige Wirkmacht der AfD im Nordosten wird nachgerade zwangsläufig weiter schrumpfen. Eine Spirale nach unten bahnt sich an, denn Mittelmaß zieht für gewöhnlich nur noch mehr Mittelmaß heran.

Da nützt es auch nichts, wenn Leif-Erik Holm in Interviews mit einer merkwürdigerweise gar nicht mal so feindseligen Regionalpresse in völliger Missdeutung der Realität eine “bürgerlich-konservative Wende” beschwört. Die soll allen Ernstes von der CDU-Basis gegen die eigene Führung erzwungen werden. Freilich lässt Holm außer Acht, dass das Fußvolk in der CDU noch weniger zu melden hat als in seiner eigenen längst durcholigarchisierten Partei. Hierzu passt ein weiteres Zitat aus Thor Kunkels eingangs erwähnter Philippika: “Es bleibt festzustellen, dass der Traum von der neuen blauen Volkspartei ein schöner Traum war, den offenbar nur das alte Kampa-Team von 2017 geträumt hat. Die Politprofis haben schon damals nur mitleidig gelächelt. Volkspartei – das wollten diese Herrschaften, von denen sich manche wie Zeitreisende aus dem 19. Jahrhundert ausdrücken, natürlich nie sein. Man möchte einfach nur die Gegen-Elite ablösen.”

Ich habe hier in meinem Block schon vor einiger Zeit recht umfänglich dargelegt, warum die vielbeschworene “bürgerliche Mitte” oder gar ein konservatives Bürgertum für die AfD ein Trugbild, eine Fata Morgana sein muss. Wer allen Ernstes an deren Existenz glaubt, setzt eine Gesellschaftsstruktur voraus, wie sie vielleicht in den 1950er Jahren noch bestand, inzwischen aber längst verschwunden ist. Bei allem Respekt scheint es mir hierbei doch nur um das Streben politischer Parvenüs nach einer Standeserhöhung zu gehen, was wiederum an das Bürgertum der Kaiserzeit gemahnt, welches zwar progressiv zu sein glaubte, sich aber doch nur allzu gerne mit dem Adelsprädikat als Zeichen höchster Huld zu schmücken wünschte.

Man kann es fürwahr drehen und wenden wie man will. Die AfD wird auch in den kommenden Jahren keine substantiellen Veränderungen zum Besseren in Deutschland und ergo auch nicht in Europa bewirken. Das haben sogar die freiheitlich-patriotischen Parteien in allen anderen Ländern der EU indes erkannt. Sie machen ihr eigenes Ding, ohne die AfD. Passend dazu kündigte Marine Le Pen den Bruch mit Deutschland an, sollte sie mit ihrer Partei Rassemblement National im nächsten Jahr die Präsidentschaftswahl in Frankreich gewinnen. Wer so redet, glaubt nicht mehr daran, dass die AfD hier zeitnah noch irgendwas reißen wird.

Und darin liegt eine furchtbare Tragik, denn Deutschland steuert in jeder Hinsicht auf einen tiefen Abgrund zu. Die Schatten an der Wand sind nicht mehr zu übersehen. Unsere Zukunft wird totalitär und von großem Elend geprägt sein. Wer Deutschland präsumtiv erblicken möchte, wie es sich mit großer Wahrscheinlichkeit in sagen wir mal zehn Jahren darstellen wird, der muss nur nach Südafrika schauen. Ob die AfD eine solche Entwicklung tatsächlich hätte verhindern können, bleibt vorderhand eine rein hypothetische Frage, über welche dereinst diskutieren mag, wer es noch rechtzeitig in ein sicheres Exil geschafft hat.

So bleibt am Ende die Frage: Was tun? Ins biedermeierliche Privatleben zurückziehen? Still und unauffällig unterm Radar leben, in der Hoffnung, vom Leviathan, dem allmächtigen Staat (Hobbes) und dessen Schergen nicht bemerkt zu werden? Doch besser auswandern? Oder kämpfen mit entblößter Brust wie jener legendäre Held, der sich während des Prager Frühlings den sowjetischen Panzern furchtlos entgegenstellte?

“Leben in der Diktatur” wird der Titel einer Serie von Beiträgen hier in meinem Blog sein, die sich genau solchen Fragen widmen möchte. Was können wir, kann jeder einzelne von uns tun, um mitzuhelfen, damit unser geschichtliches Erbe, unsere Kultur und unsere Identität die kommenden Jahre, Jahrzehnte und Jahrhunderte überlebt? Unsere Serie soll mögliche Antworten darauf anbieten, vor allem aber zur Diskussion anregen. Also bleibt dran und abonniert am besten meinen Infobrief.

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