500 Jahre Luther in Worms oder Sag mir, wo du stehst!

Letzte Woche im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern forderte der SPD-Fraktionsvorsitzende Thomas Krüger die Abgeordneten der AfD auf, sie mögen doch endlich ihren Irrweg in Bezug auf den Umgang mit Corona anerkennen und sozusagen widerrufen. Nur wer die Meinung aller anderen Parteien im Parlament, vor allem aber die der Regierung, vorbehaltlos unterstütze, könne nämlich zu den demokratischen Kräften gezählt werden.

Schon sprachlich sorgte diese Dreistigkeit dafür, dass mir unwillkürlich in den Sinn kam, was die protestantische Christenheit am heutigen 18. April feiert. Vor genau 500 Jahren stand Martin Luther auf dem Reichstag in Worms und verteidigte sich und seine Schriften vor dem römisch-deutschen Kaiser Karl V. gegen den Vorwurf der Ketzerei. Es war dies wahrscheinlich der entscheidende Moment im Prozess der Reformation. Hätte Luther widerrufen, seine Kritik an Kirche und Klerus zum Irrtum erklärt, wäre die Weltgeschichte in vielerlei Hinsicht anders verlaufen.

Doch der widerspenstige Augustinermönch aus Wittenberg blieb standhaft. Seine aus Sicht von Kaiser und Papsttum fürwahr ungeheuerliche Forderung: man solle ihm anhand der Bibel nachweisen, dass er falsch liege. Dem hielt Karl V. entgegen, es müsse doch reichen, wenn zahlreiche Päpste und Konzile die offizielle Position der Katholischen Kirche stützten. Luther lässt sich nicht beirren und proklamiert, dass er „weder dem Papst noch den Konzilien allein glaube, da es feststeht, dass sie öfters geirrt und sich selbst widersprochen haben“.

Der Druck auf den Reformator muss unvorstellbar gewesen sein. Vor ihm saß der mächtigste Mann der Welt, ein Herrscher, in dessen Reich die Sonne nach eigenem Bekunden niemals unterging. Er wurde flankiert von den Kurfürsten, von Kardinälen und Bischöfen und sonstigen Größen des Reiches. Sich in einer derartigen Situation nicht einschüchtern zu lassen, zumal stets das Schicksal des Jan Hus vor Augen, kann gar nicht genug bewundert werden. Sich auf das eigene Gewissen berufend, soll Martin Luther schließlich jene legendären Worte gesprochen haben: „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen.“

Heutigentags nun wird der 500. Jahrestag von Luthers Auftritt in Worms seitens der politischen und kirchlichen Gutmenschenschickeria mit viel Bohei gefeiert. Gestern äußerte sich auch Frank-Walter Steinmeier zum Thema und erklärte das Ereignis zu „einer europäischen Sternstunde des erwachten individuellen Gewissens.“ Es gäbe laut Bundespräsident „eine Stunde des Gewissens, in der ein Mensch ganz allein mit sich selbst ist, in der es ganz allein auf seinen Mut, auf seinen Willen und seine Standfestigkeit ankommt.“

Damit hat der Mann ja nicht unrecht. Problematisch wird es nur, wenn Leute wie Steinmeier festlegen wollen, angesichts welcher Aktivitäten der Obrigkeit das individuelle Gewissen zu erwachen hat und wann nicht. Eine extra zum historischen Anlass geschaffene Website der EKD sorgt diesbezüglich schnell für Klarheit. Wir heute sollen Zivilcourage und Haltung zeigen. Plötzlich taucht der Name Greta Thunberg auf, die ja auch zu den „Vorreitern für eine standhafte und zugleich friedfertige Auseinandersetzung mit den Missständen der Gesellschaft“ gehöre.

Da geht es schon los! Greta Thunberg befand sich ja nie im Widerspruch zum herrschenden Zeitgeist oder zu den in seinem Sinne Regierenden. Im Gegenteil. Sie wurde von Präsidenten und von Kanzlern, vom Papst und vom UN-Generalsekretär nachgerade ehrerbietig empfangen. Die Eliten der Welt hingen demütig an den Lippen der seltsamen Schwedin. Zu keinem Zeitpunkt musste Thunberg um ihr Leben fürchten. Es bedurfte auch keines wohlwollenden Regenten, der sie auf der Rückkehr von irgendeinem öffentlichen Auftritt entführen lassen und auf einer einsamen Burg verstecken musste. Kurzum, es gehört eine gewisse Chuzpe dazu, die Umweltaktivistin in einem Atemzug mit Martin Luther zu nennen.

Wir erkennen also die Marschrichtung. Wenn Bundespräsident Steinmeier, die EKD und andere Großkopferte des politisch korrekten Juste Milieus uns auffordern, einen eigenen und ganz persönlichen „Luther-Moment“ herbeizuführen, dann meinen sie nicht offenherzige Kritik an der Corona-Politik der Regierenden. Dann geht es auch nicht um Widerstand gegen die Aushöhlung der Grundrechte oder die Untergrabung des Föderalismus in Deutschland. Nein, es geht dabei um die Bekundung von Zustimmung in Bezug auf die Politik der Staatsführung. Haltung und Zivilcourage in den Augen jener, die sich heute auf Luther berufen, bedeutet vollumfängliche Übereinstimmung mit der Macht und wenn nötig, deren Willen gegen Kritiker rücksichtslos zu verteidigen. Der frühere Linksextremist Steinmeier und Antifa-Apostel Bedford-Strohm sind die personifizierte und letztlich zutiefst abstoßende Antithese zu Martin Luther.

Auch in der DDR wurde die Reformation 1983 groß gefeiert, galt Luther als Vorbild. Die damaligen Machthaber meinten das ähnlich wie die heutigen und hatten keinesfalls Widerspruch zur eigenen Politik im Sinn, wenn sie zu Mut und Zivilcourage aufriefen und darunter vor allem Kollaboration mit dem Staat verstanden. Doch die Bürger waren schlau und deuteten die Propaganda der Partei in ihrem Sinne um. Auch das führte zum Herbst 1989, in dessen Wirren die Botschaft des FDJ-Liedes „Sag mir, wo du stehst!“ eine ganz neue Bedeutung erhielt.

Ein Lied wurde auch für das aktuelle Jubiläum komponiert. Es stammt von dem Frankfurter Künstler Parviz Mir-Ali und heißt „Der Luther-Moment“. Der Song ist nicht schlecht und inhaltlich neutral. Ich mag ihn eigentlich ganz gerne hören. „Denn das ist dein Moment, auch wenn dein Herz noch rennt, weil da was in dir brennt … Es ist dein Moment, der keine Angst mehr kennt“, heißt es im Refrain. Seinen ganz persönlichen Luther-Moment hatte dieser Tage übrigens Carsten Höfler. Der junge Mann ist Chef der Stuttgarter Schutzpolizei und weigerte sich auf einer Pressekonferenz vor laufenden Kameras, gegen friedliche Teilnehmer einer Querdenker-Demonstration mit Pfefferspray, Schlagstöcken und Wasserwerfern vorzugehen. Man konnte sehen, wie dieser Polizeiführer mit größter Anspannung und innerem Kraftaufwand seine Haltung darlegte. Höfler endete mit dem Satz: „Dafür stehe ich als Einsatzleiter nicht zur Verfügung.“ Mehr Luther geht nicht! Steinmeier & Co. dürften das freilich anders sehen.

Karl

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