Deutsch-Südwestwärts (Teil 3): In der Etosha-Pfanne

Manche Menschen können durchaus nicht lange schlafen und umschleichen bereits am frühesten Morgen das Frühstücksbuffet, welches eigentlich den Teilnehmern einer für 6 Uhr 30 angesetzten Safari zugedacht ist. Doch die Köchin der unweit des Etosha-Nationalparks gelegenen Mushara Lodge hat großzügig aufgetischt und so reicht es am Ende für alle und wir können einigermaßen gesättigt in das Fahrzeug klettern, mit dem Imelda auf dem Parkplatz wartet.

Imelda ist eine hagere aber energische sehr dunkle Frau mittleren Alters und keineswegs auf den Mund gefallen. Man sollte ohnehin nicht aus einer gewissen Überheblichkeit heraus den Fehler machen, zu glauben, die Einheimischen würden einen eh nicht verstehen. Noch keine zwei Kilometer von der Lodge entfernt, ergehen sich einige Passagiere in Mutmaßungen über die Fahrkünste unserer namibischen Führerin, woraufhin Imelda ruckartig bremst, ihren Kopf durch das Verdeck steckt und verschmitzt grinsend ruft: “Ich kann euch gut verstehen!”

Ertappt und ein bisschen zerknirscht schweigen wir für die nächsten Minuten und schauen gespannt in die Morgendämmerung hinaus, während Imelda ihren Sonnenhut zurechtrückt und den Motor wieder startet. Weiter geht unsere Fahrt auf die Hauptstraße und dann dem östlichen Eingang zum Etosha-Park entgegen. Hinter uns steigt die Sonne über den Horizont und taucht die Landschaft in warmes Licht. Die Savanne erwacht. Und jeder starrt nun hinaus und hofft, als Erster einen Löwen oder Elefanten oder wenigstens ein Warzenschwein zu entdecken.

Nach zwanzig Minuten erhebt sich vor uns ein mächtiger Torbau mit zwei Bögen, je einer für die Ein- und Ausfahrt, das Namutoni-Gate. Ich muss unwillkürlich an Hollywoods “Jurassic Park” denken, dessen geheimnisvolle Welt ebenfalls hinter einem wuchtigen Portal verborgen war und seinen Besuchern manche Überraschung bescherte. Doch dies ist kein Film, sondern die Realität. Was würde uns erwarten? Ein Wachmann kontrolliert die Papiere, der Schlagbaum öffnet sich und schon geht es hinein in das zweitgrößte Naturschutzgebiet Afrikas.

Am 22. März 1907 stellte der Gouverneur von Deutsch-Südwestafrika, Friedrich von Lindequist, große Teile des heutigen Namibias unter Schutz, nachdem der ehemals reiche Wildbestand durch Wilderei und bedenkenlose Großwildjagd bis an den Rand der Ausrottung reduziert und damit die Fleischversorgung der Bevölkerung ernsthaft gefährdet worden war. Das war eine für damalige Verhältnisse bemerkenswerte Maßnahme. Im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehen heutzutage leider eher die angeblichen Missetaten deutscher Kolonisten. Eine Vorreiterrolle in Sachen Umweltschutz passt da nicht ins Bild.

Unsere gute Imelda fährt eine schnurgerade Piste entlang bis kurz vor das Fort Namutoni, eine burgartige Hinterlassenschaft aus deutscher Zeit. Dann holpern wir südwärts. Hinter Dornbüschen und Akaziensträuchern tauchen erste Giraffen auf – und verschwinden schnurstracks wieder in der Savanne. Schade! “Handykamera immer griffbereit”, mahnt jemand hinter mir. Eigentlich nicht schwer. Wie muss das in den Tagen von Gouverneur Lindequist gewesen sein, als der Photograph noch mit unförmigen Holzkästen auf wackligen Stativen und mit Glasplatten herumhantieren musste?

Imelda weiß genau, wo sie lang muss. Oder besser, sie hat ein sicheres Gespür für jene Stellen, wo der europäische Tourist zu sehen bekommt, wonach TikTok und Instagram lechzen. Aber machen wir uns nichts vor. Die Sozialen Medien bedienen heute auf irgendwie doch elegantere Weise dieselbe Mischung aus Neugierde und Sensationslust, für die unsere Urgroßeltern in die Völkerschauen kaiserzeitlicher Jahrmärkte pilgerten, wo man ihnen allerhöchstens eine Karikatur dieses herrlichen Kontinents und seiner Menschen präsentierte.

“Seht ihr das?” Imelda macht beinahe eine Vollbremsung und zeigt aufgeregt nach links. Donnerwetter! Ein paar Meter entfernt im Gras liegt eine Löwenmutter mit ihren Jungen. Sie hat ein Zebra gerissen. Die Raubkatze reckt ihren Kopf empor und beobachtet uns, während der Nachwuchs an dem schwarzweiß gestreiften Frühstück nagt. Das ist doch mal eine Szene. Klick, klick, klick … Gott segne die Erfinder des Handys. Was für Bilder! Wir sind ganz aus dem Häuschen. Als jeder genug Futter für seine Netzgemeinde eingefangen hat und sich darüber freut wie die Löwenfamilie über das Zebra, geht es weiter.

Wir machen kehrt. Zurück zum deutschen Fort und einmal rum nach Norden hin. Die Weite der Etosha-Pfanne zeigt wie riesige Spiegel in der Sonne flirrende Wasserflächen, an denen allerlei Getier seinen Durst stillt. Zebras und immer wieder Zebras. Wo sind nur die Elefanten? Alle starren mit zusammengekniffenen Augen in die Ferne wie Seeleute im Krähennest eines Walfängers. Unsere Harpune, wenn man im Bild bleiben wollte, ist das Handy.

Übrigens habe ich im Wohnzimmer ein geschnitztes Rüsseltier stehen, das zu DDR-Zeiten seinen Weg aus irgendeinem exotischen Freundesland in einen Rostocker Kunstgewerbeladen fand, wo meine Mutter es kaufte und später mir vererbte. Von den elenden Tieren im örtlichen Zoo einmal abgesehen, wäre unter realsozialistischen Verhältnissen meine Begegnung mit einem Elefanten über dieses hölzerne Abbild nicht hinausgelangt. Hoffentlich kommt es anders.

Aber noch immer kein Elefant. Stattdessen wieder Löwen. Ein ganzes Rudel lungert auf der Straße. Sehr imposant. Neben und hinter uns tauchen andere Fahrzeuge mit Touristen auf. Jedes versucht so dicht wie möglich an die gelangweilt blinzelnden Großkatzen heranzukommen. Imelda nutzt geistesgegenwärtig ein Schlupfloch zwischen zwei Safari-Jeeps und huscht mit uns hindurch, so dass wir plötzlich wieder in der ersten Reihe stehen.

Wütendes Geschimpfe prasselt auf uns herein. Eine dicke Frau droht mit der Faust, stößt in gebrochenem Englisch Flüche aus. Imelda sitzt stoisch hinter ihrem Lenkrad. Das macht die dicke Frau noch wütender. Indes werden die Löwen munter und beobachten interessiert das Schauspiel auf den Ladeflächen der Pirschautos. Menschen sind doch zu komisch. Vielleicht wird in der Löwenschule ja auch Schiller behandelt:

Gefährlich ist’s den Leu zu wecken,
Verderblich ist des Tigers Zahn;
Jedoch der schrecklichste der Schrecken,
Das ist der Mensch in seinem Wahn.


Langsam steuert unser Gefährt an den Katzen vorbei, die nur ein, zwei Meter entfernt in der immer heißer brennenden Sonne faulenzen. Ich muss an das Zebra denken. Ein Sprung würde genügen und ein Leu säße mitten unter uns und hätte eine gute Zeit. Die haben wir auf jeden Fall und sie geht allmählich zu Ende. Gegen Mittag müssen wir wieder in der Lodge sein. Und noch immer keine Elefanten.

Doch unsere Safariführerin hat noch ein Ass im Ärmel. Wir rumpeln weiter nordwärts und biegen dann rechts ab. (Was macht man eigentlich, wenn man hier mal auf Toilette muss?) Der schaukelnde Geländewagen überquert eine Anhöhe, hinter der wir einen kleinen, flachen See erblicken und um diesen herum … Elefanten! Nicht bloß zwei oder drei, nein Dutzende. Es müssen so sechzig bis siebzig Tiere sein. Mitten drin ein riesiger Bulle mit wedelnden Ohren. Zwischen den Säulenbeinen der Kühe tummelt sich der Nachwuchs. Ach wie niedlich! Man möchte direkt mal hin. Eine Banane hätte ich noch im Rucksack.

Anders als Löwen und Sandvipern gelten Elefanten gemeinhin als sympathisch. Im Dschungelbuch ist Mogli sogar mit einem befreundet. Aber das war in Indien zu einer anderen Zeit und die namibischen Elefanten kennen Kiplings Geschichte nicht. Einmal vor Jahren, so erzählt uns Imelda und reißt dabei ihre ohnehin schon großen weißen Augen auf, habe ein Elefant genau hier eine Touristengruppe in ihrem Fahrzeug angegriffen. Ich schiele zu dem Bullen mit den Riesenohren rüber. Der bespritzt sich mit Schlamm. Alles gut.

Plötzlich taucht der Jeep mit der dicken Frau von vorhin auf. Die Elefanten traben langsam davon. Winkt uns da einer zu mit dem Rüssel? Wer weiß das schon? Wir sind samt und sonders selig. Imelda pellt sich eine Orange ab. Alle sind zufrieden. Nicht ganz. Wir haben kein Netz. Also ab zur Lodge. Instagram wartet schon.

(Teil 4 folgt in Kürze)

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