Sommer 2020 – Das Ende der Stammesgesellschaft?

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Die Großdemonstration der Querdenker am 29. August war eine Mischung aus Herbst ‘89, Flowerpower und multiideologischem Volksfest. Angesichts dessen verwundert es nicht, dass Politik und Medien dem Ereignis völlig ratlos gegenüberstehen – und verängstigt, denn die Praxis des „divide et impera – teile und herrsche“ könnte endgültig an ihr Ende gekommen sein.

Ich muss zugeben, dass es die merkwürdigste Demo war, an der ich je teilgenommen habe. Erfreulicherweise war ich in den gestrigen Nachmittagsstunden mit gut zwei Dutzend Mitstreitern auf einem Dampfer unterwegs – die Warnow hinunter und dann noch ein Stück die Ostseeküste entlang – und gewann somit noch einen zusätzlichen Tag, um die Erlebnisse in Berlin sacken zu lassen, verarbeiten zu können. Freilich hat diese Veranstaltung nicht nur mich überrascht. Wer im Vorfeld geglaubt hatte, an diesem Samstag würde das „Merkel-Regime“ irgendwie sein Ende finden, musste ebenso enttäuscht nach Hause fahren wie jene, in deren Wahnwelt jeder Regierungskritiker ein Nazi, Rassist oder Verschwörungstheoretiker ist.

Ich möchte mich nachfolgend gar nicht weiter mit Fakten und Situationsbeschreibungen aufhalten, die ohnehin schon hinlänglich bekannt sein dürften, stattdessen ausführen, was jene Veranstaltung gesellschaftspolitisch bedeuten könnte. Ob diese Erwartungen am Ende des Tages erfüllt werden, kann vorderhand freilich niemand wissen. Bei aller Ratlosigkeit, die nicht nur mich angesichts der ungewöhnlichen Zusammensetzung der Demonstrationsteilnehmer befallen hat, setzte sich bei mir schließlich ein Kernfazit durch: Der August 2020 kann durchaus das Ende der vor allem von linken Vordenkern in die Welt gebrachten Identitätspolitik einläuten und zu einem neuen Universalismus jenseits der bis anhin üblichen ideologischen Schemata führen, zu einer Rückkehr von der Bevölkerung zum Volk.

Das Scheitern des Sozialismus im „Kampf der Systeme“, aus welchem der Kapitalismus mit seiner auf universellen Grundrechten basierenden Freiheit des Individuums als Sieger hervorging, zwang linke Ideologen zu einem Umdenken. In Ermangelung von wahrhaft brauchbaren Antworten auf die großen Fragen unserer Zeit (Globalisierung, Armutsbekämpfung, Migration, Industrielle Revolution 4.0, Umweltschutz) hat sich die weltweite Linke darauf verlegt, nicht mehr das jeweilige Volk oder meinetwegen auch die Menschheit in toto anzusprechen, sondern sie in eine Vielzahl von Identitäten aufzuspalten. Aus der ehedem weitgehend homogenen Masse der zu befreienden unterdrückten Werktätigen wurde sukzessive ein Sammelsurium aus zahllosen Milieus, Ethnien, sexuellen Minderheiten, Stilen und sonstigen gesellschaftlichen Gruppen, die es angeblich zu befreien galt und noch gilt, indem ihnen Sonderrechte erstritten werden sollen, die allerdings keineswegs für sämtliche Mitglieder der so parzellierten Gesellschaft gelten, ergo nicht mehr universell sind. Im Zusammenspiel mit den sozialen Netzwerken im Internet entstanden so unzählige digitale Filterblasen, in denen sich die Menschen im Hinblick auf den gesellschaftlichen Diskurs nicht mehr nur physisch, sondern ebenfalls vermittels Definition gemeinsamer Identitätsmerkmale von jeglicher Außenwelt abgeschnitten haben.

Der US-amerikanische Politologe Francis Fukuyama – nach dem Zusammenbruch des weltweiten Kommunismus bekanntgeworden durch seine Verkündung des „Endes der Geschichte“ – hat die herrschende Situation in der Zeitschrift Foreign Affairs jüngst sehr trefflich beschrieben: „Die Tendenz der Identitätspolitik, sich auf kulturelle Fragen zu konzentrieren, hat die Energie und Aufmerksamkeit von ernsthaften Überlegungen seitens der Progressiven darüber abgelenkt, wie der dreißig Jahre währende Trend in den meisten liberalen Demokratien zu größerer sozialökonomischer Ungleichheit umgekehrt werden kann.“ Mit anderen Worten, die Linken betreiben Identitätspolitik, um von ihrer Unfähigkeit abzulenken, die wahren Probleme einer Gesellschaft zu lösen und gleichzeitig jede Diskussion darüber zu verhindern. Hier liegt auch die Ursache dafür, warum die Konzernlenker das bizarre Spiel der „Vielfalt und Buntheit“ überhaupt mitmachen. Ein Volk, ja letztlich eine Menschheit, die in zahllose Identitäts- mithin also Interessengruppen aufgespalten ist, wird sich den Plänen der Globalisten kaum wirkungsvoll erwehren können. Werktätige, die sich mit gendergerechter Sprache und ähnlich grotesken Mätzchen befassen müssen, vergessen darüber allzu leicht, für höhere Löhne oder gegen die Zerstörung unserer Industrie zu kämpfen.

Vor diesem Hintergrund könnte die Querdenker-Bewegung tatsächlich eine Zäsur bedeuten. Dramatische Einschränkungen im täglichen Leben, die nicht nur einzelne Gruppen betreffen, sondern ausnahmslos alle Bürger, lassen das Stammesdenken der vergangenen Jahre schlagartig in den Hintergrund treten, ja führen es vor aller Augen ad absurdum. Wenn in Berlin nun konservative Patrioten neben Joints rauchenden Hippies, bärtige Muslime mit Hare Krishna-Jüngern und Ökoaktivisten mit Anhängern der Identitären Bewegung für die universellen Grundrechte aller Bürger unseres Landes demonstrieren, wenn Regenbogenfahnen, Reichsflaggen und Wirmerfahnen einträchtig im Winde flattern, Zitate von Mahatma Gandhi neben solchen von Donald Trump zu sehen sind, dann ist das Herrschaftsprinzip des „divide et impera“ möglicherweise an sein Ende gekommen. Ferner könnte dies eine Rückkehr zur Demokratie im Sinne von Volks- statt Parteienherrschaft bedeuten, mitsamt einer innergesellschaftlichen Debattenkultur, welche diesen Namen auch verdient.

Gleichwohl stellen diese Entwicklungen nicht nur die Linke, sondern auch die freiheitlich-patriotische Opposition, deren Speerspitze noch immer die AfD ist, vor entscheidende Herausforderungen. Letztere hat bis anhin noch keine brauchbaren gesellschaftstheoretischen Konzepte vorzuweisen, vermittels derer sich die zunehmende Widerständigkeit der naturgemäß amorphen Massen gegen das bestehende System aufgreifen und in politisches Kapital zugunsten der eigenen Ziele ummünzen ließe. Über dieses Manko versucht hinwegzutäuschen, wer mit dünkelhaftem Spott aus dem intellektuellen Elfenbeinturm heraus die Geschehnisse in Berlin während des letzten Augustwochenendes ins Lächerliche zieht, seiner Abneigung gegen den Plebs auf der Straße mehr oder weniger unverhohlen freien Lauf lässt, wie eben der Autor eines Organs der sogenannten Neuen Rechten aus der sächsisch-anhaltinischen Einöde. Selbstredend haben sich auch meine Erwartungen an die Berliner Großdemonstration nicht vollumfänglich erfüllt. Aber nach einer fairen und sachlichen Analyse bleibt doch die Erkenntnis, einer großen Chance für unser Land und Europa begegnet zu sein. Und wie immer in solchen durchaus historischen Momenten liegt es an uns, was daraus wird.

 

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