Filmkritik: ARD-Tatort „National Feminin“ vom 26. April 2020

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Schon Heinrich Heine wusste in seiner „Harzreise“ nicht viel Löbliches über Göttingen zu berichten. Die Einwohnerschaft bestünde im Großen und Ganzen aus Studenten, Professoren, Spießbürgern und Viehzeugs. Besonders groß sei die Zahl der Spießbürger: „So mochte ich kaum begreifen, wie Gott nur so viel Lumpenpack erschaffen konnte.“ Nach allem was wir wissen, hat sich daran wohl nicht viel geändert, auch über Göttingen hinaus. Vielleicht ist das mit ein Grund dafür, dass sich Tatort-Ermittlerin Charlotte Lindholm in der gestrigen Episode der ARD-Reihe gleich zu Beginn mit ihrem Sohn darauf einigte, in Hannover wohnen zu bleiben und die Pendelei ins westliche Harzvorland auf sich zu nehmen.

In Göttingen wurde indes eine Jurastudentin ermordet aufgefunden. Lindholms dunkelhäutige Kollegin Anaïs Schmitz wartet schon am Tatort. Schnell wird offenbar, dass sich hinter dem Opfer Marie Jäger eine Aktivistin der Identitären Bewegung, die im Film „Junge Bewegung“ heißt, verbirgt. Außerdem betreibt sie einen YouTube-Kanal und gilt als weibliches Aushängeschild der Szene, ergo der Titel „National Feminin“. Zu allem Überfluss war Jäger auch noch Assistentin der Uniprofessorin Sophie Behrens, einer lesbischen Rechtsintellektuellen mit Ambitionen auf einen Richterposten beim Bundesverfassungsgericht. Damit wäre die Bühne bereitet für ein weiteres Stück politisch korrekte Volkspädagogik im Gewande eines Fernsehkrimis, wie es von vielen Kritikern des öffentlich-rechtlichen Rundfunks vorderhand erwartet wurde. In Teilen erfüllte diese Tatort-Folge die Befürchtungen tatsächlich, um an anderer Stelle dann doch wieder positiv zu überraschen.

Lindholm-Darstellerin Maria Furtwängler ist die Großnichte des NS- Stardirigenten und Göring-Intimus Wilhelm Furtwängler. Ihre Nemesis im „National Feminin“-Tatort, Professorin Behrens, wird von Jenny Schily verkörpert, der Tochter des RAF-Anwalts und späteren Grünen- bzw. SPD-Politikers Otto Schily. Und in der Tat hat man zuweilen den Eindruck, die beiden Schauspielerinnen würden sich in diesem Krimi ein Stück weit an ihrer eigenen Familiengeschichte abarbeiten. Während Kommissarin Lindholm dabei stets so wirkt, als zitiere sie aus Broschüren der Amadeu-Antonio-Stiftung, gelingt es Schily hervorragend, die Vielschichtigkeit ihrer Figur darstellerisch herauszuarbeiten. Richtig gut ist jedoch vor allem Florence Kasumba alias Anaïs Schmitz, die als einzige Figur in dem ganzen Film wirklich authentisch herüberkommt, wahrscheinlich, weil ihre Rolle kaum politische Äußerungen beinhaltet.

Überhaupt scheint diese Tatort-Episode in einem völlig anderen Deutschland zu spielen. Kaum vorstellbar, dass in der realen Bundesrepublik eine rechte Akademikerin (mit mutmaßlichen Kontakten zu Rechtsextremisten, wie ihr der stramm linke Professor Noll unterstellt) auch nur in die Nähe eines Richterstuhls in Karlsruhe käme. Ganz zu schweigen, von einem AfD-affinen Generalstaatsanwalt, der obendrein die Ermittlungen hintertreibt. Ebenso unrealistisch wirkt die eingangs gezeigte Podiumsdiskussion zwischen Behrens und Noll im Audimax vor weitgehend diszipliniert lauschendem studentischen Publikum, wo wir doch wissen, dass solche Veranstaltungen ob der linksextremen Gewalt in aller Regel gar nicht stattfinden können oder mit massiven Polizeieinsätzen enden. Gerade Göttingen gilt als Hochburg der Antifa, weswegen es gleichermaßen schwer glaubhaft erscheint, dass ausgerechnet dort die Junge vulgo Identitäre Bewegung gleich ein ganzes Haus unterhalten könnte. Selbst im dunkeldeutschen Halle/Saale ist die IB mit einem solchen Projekt gescheitert. Passend dazu wirken auch die Figuren der rechten Aktivisten grotesk überzeichnet, was die hinter diesem Tatort stehende Propagandaabsicht erfreulicherweise ins Leere laufen lässt. Schon Joseph Goebbels oder die Agitatoren des SED-Regimes wussten, dass Übertreibungen beim Publikum meist das Gegenteil bewirken. So kamen deren ideologische Botschaften stets subtil und häufig unbemerkt daher. Es war kein Zufall, dass im Polizeiruf 110 des DDR-Fernsehens die im Alltag omnipräsenten Parteiabzeichen grundsätzlich nie zu sehen waren.

Fairerweise muss man dem „National Feminin“-Tatort auch einige lichte Momente zugestehen. Der pharisäerhafte Moralismus linker Zeitgenossen wird herrlich karikiert, als sich der Alt-68er Professor Noll mit schmieriger Servilität bei der dunkelhäutigen Ermittlerin Schmitz dafür entschuldigt, keinen afrikanischen Kaffee vorrätig zu haben, was letztere angenervt zur Kenntnis nimmt. Selbiger Professor attackiert Schmitz etwas später im Krankenhaus („Was habt ihr Bullenschweine mit meinem Sohn gemacht?“), woran deutlich wird, dass Linke vor der Polizei auch dann keinen Respekt zeigen, wenn sie in Gestalt einer schwarzafrikanischen Migrantin auftritt. Soviel zum Thema Rassismus. Beinahe berührend wird der Film im letzten Drittel, als Lindholm die rechte Antifeministin Behrens in deren Villa aufsucht und beide Frauen nachgerade vertrauensvoll über ihre Liebesbeziehungen und weibliche Lebensentwürfe plaudern. Man spürt, dass dieser Tatort durchaus das Zeug zu einer soliden Gesellschaftsstudie gehabt hätte, wäre der „Kampf gegen rechts“ nicht ständig in den Vordergrund gedrängt worden.

Wäre es den Machern tatsächlich um eine Verbesserung des gesellschaftlichen Klimas in Deutschland zu tun gewesen, dann hätten sie statt absurdem Anti-IB-Gedöns einen Aspekt der Handlung in den Vordergrund gerückt, der ganz zum Schluss beinahe nur so nebenbei eine viel zu geringe Rolle spielt: Ein linker Student kommt auf die Idee, die rechte Aktivistin Marie Jäger zu einer Diskussion einzuladen, nachts am Fluss vor laufender Kamera für seinen YouTube-Kanal. Während dieser Gespräche erkennen die jungen Leute auch Schwachstellen in ihrer jeweiligen Argumentation, lernen also, weltanschauliche Gewissheiten offen infrage zu stellen. Könnte es sein, dass die Gegenseite an der einen oder anderen Stelle vielleicht doch recht hat? Schließlich verlieben sich beide ineinander. Wäre das in den Vordergrund der Handlung gestellt worden, hätte dieser Tatort fürwahr eine wichtige und notwendige Botschaft transportieren können. Nämlich, dass die Gräben zwischen links und rechts eben nicht unüberbrückbar, dass sachliche, konstruktive Debatten möglich sind und sich ein Sympathisant der Antifa sogar in eine IB-Aktivistin verlieben kann. Man muss es dem Tatort „National Feminin“ anrechnen, dass er diese Möglichkeit immerhin angedeutet hat. Wenn die Systempresse nun über diesen ambivalenten Fernsehkrimi geradezu hasserfüllt herfällt, liegt es wohl auch daran.

 

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