Nach Hanau – Sündenböcke, Säuberungen und Schauprozesse

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Leningrad am 1. Dezember 1934. Der russische Winter hat die frühere Zarenresidenz fest im Griff. Vor dem Smolny, einer ehemaligen Bildungsanstalt für adelige Mädchen und seit den Tagen der Oktoberrevolution örtlicher Sitz der Kommunistischen Partei, stapft ein junger Mann durch den Schnee. Er scheint etwas nervös, tastet immer wieder nach dem Revolver in seiner Manteltasche. Bereits am 15. Oktober war es nämlich schiefgelaufen. Sicherheitskräfte hatten ihn, Leonid Wassiljewitsch Nikolajew, aufgegriffen und kurzzeitig verhaftet, als er in der Nähe des Wohnhauses von Sergej Kirow herumlungerte, dem mächtigen Parteichef von Leningrad und Duzfreund Stalins. Zur Überraschung des 29-jährigen Schlossergehilfen ließen die Ermittler des NKWD ihn jedoch wieder laufen – obwohl sie eben jene Schusswaffe bei ihm entdeckt hatten.

Nun also steht Nikolajew vor dem Smolny, über dessen Haupteingang sich acht Säulen gebieterisch erheben. Davor Lenin in Bronze auf rundem Sockel mit der Inschrift „Lang lebe die Diktatur des Proletariats“. Die Mütze hält er in der Hand, so als wolle er dem vorbei eilenden Burschen einen letzten Gruß entbieten. Dem bläst eisiger Wind mitten ins Gesicht. Schnell hinein ins Treppenhaus. Ein letztes Mal nach dem Revolver getastet. Dort ist schon der Korridor und jene Tür mit dem Büro Kirows dahinter. Nikolajew steht davor und ist plötzlich unsicher. Soll er einfach hier warten oder hineinstürzen und die Sache dort zu Ende bringen? Zu spät. Kirow tritt auf den Flur, sieht den jungen Mann hinter sich nicht und bricht schon zusammen. Ein gezielter Schuss in den Nacken. Aus und vorbei.

So mag sich das Attentat auf Sergej Mironowitsch Kirow seinerzeit zugetragen haben. Wäre die Sowjetunion so etwas wie eine Demokratie, ein Rechtsstaat gewesen, hätte man diesen Mord durch unabhängige Ermittler und Sachverständige untersuchen und aufklären lassen. Es wäre dann wohl schon damals zutage gekommen, was heute als gesicherte Faktenlage gilt. Nikolajew hatte nämlich sowohl ein Motiv als auch die Gelegenheit für seine Tat. Da war zunächst Eifersucht, denn Kirow hatte ein Verhältnis mit Nikolajews Frau. Ferner war Nikolajew frustriert, weil er trotz Parteimitgliedschaft seine Stelle beim Leningrader Gebietskomitee verloren hatte. Der russische Historiker Oleg Chlewnjuk fasste es in seiner Stalin-Biographie folgendermaßen zusammen:„Nikolajews Erscheinungsbild lässt den Gedanken plausibel erscheinen, dass der Mord die Tat eines verbitterten Einzelgängers von fragwürdiger geistiger Gesundheit war.“

Doch die Sowjetunion war weder in den 1930er Jahren noch später ein demokratischer Rechtsstaat, sondern die totalitäre Herrschaft der kommunistischen Einheitspartei mit Stalin an der Spitze. Und der erkannte in dem geglückten Attentat auf Kirow die einmalige Chance, letzte Reste von Opposition endgültig auszumerzen. Also war Nikolajew mit einmal der gedungene Auftragskiller einer konterrevolutionären Terrororganisation namens „Leningrader Zentrum“, deren Ziel es angeblich gewesen sei, die Führer der Partei sukzessive umzubringen, um damit einer Machtübernahme durch Leo Trotzki den Weg zu ebnen. Das Attentat auf Kirow war somit gewissermaßen der Startschuss für die größte und brutalste Säuberungswelle in der gesamten sowjetischen Geschichte, welche als „Großer Terror“ in die Annalen einging, bis 1938 andauerte und Millionen Menschen das Leben kostete. Ein Bürgerkrieg in Latenz gegen das eigene Volk.

Noch freilich waren die Sowjetbürger ahnungslos. Unbehagen griff erst dann allmählich um sich, als die Schauprozesse im Moskauer Gewerkschaftshaus begannen. Denen waren Massenverhaftungen vorausgegangen und hatten nicht etwa die üblichen Figuren auf die Anklagebank gebracht – also frühere Gefolgsleute des Zaren, unfähige Fabrikdirektoren oder ruchlose Saboteure – nein, es waren plötzlich führende Genossen, Weggefährten Lenins, verdiente Revolutionäre. Sie, auf die niemals der Schatten eines Makels gefallen war, Vorbilder der Jugend wie aller Werktätigen, saßen unverrichteter Dinge vor Gericht und wurden von Stalins Chefankläger Andrej Wyschinski in aller Öffentlichkeit mit den unglaublichsten Vorwürfen überhäuft.

Dem vorgetragenen Szenario zufolge gab es also ein geheimes Netzwerk von Verschwörern, das nicht nur im Inland operierte, sondern global seine Fäden spann, dessen Mitglieder sich mal in Moskau selbst und dann wieder in Berlin, Prag und Kopenhagen trafen, ständig ihre Identitäten wechselten und nichts anderes im Schilde führten, als terroristische Akte vorzubereiten und auszuführen. Mit der Ermordung Kirows sei diesen teuflischen Kreisen nun erstmals ein erfolgreicher Anschlag gelungen. Aufgefallen waren die Übeltäter bis dahin nur deshalb nicht, weil sie sich als loyale Parteifunktionäre getarnt hätten, denen niemand derartige Machenschaften zutrauen würde. Am Ende seiner Ausführungen fordert Wyschinski, dass „diese tollwütigen Hunde allesamt erschossen werden“. So geschah es dann auch. Keinem der tatsächlich ja völlig unschuldigen Angeklagten nützte es etwas, dass die sich – Gipfel der Perfidität des Systems – auch noch selbst zu den Vorwürfen bekannten und sich in Reue übten.

Der deutsche Historiker Karl Schlögel hat es in seiner vorzüglichen Monographie Terror und Traum – Moskau 1937 so beschrieben: „Aber die Bedeutung oder der Sinn des Prozesses bestand von vornherein nicht darin, Beweise zu liefern, sondern eine phantastische Geschichte zu erzählen, die Furcht erregen und verwirren sollte. Anstatt die Unstimmigkeit zahlreicher Details nachzuweisen und sie in einer Art Gegendarstellung klarzustellen, kommt es gerade auf die unstimmigen, phantastischen Details an, die einen trockenen und bloß propagandistischen politischen Prozess in ein atemberaubendes Spektakel verwandeln, das das Publikum in seinen Bann zieht und in Schrecken versetzt.“

Geschichte freilich wiederholt sich nicht, doch sie steckt voller Déjà-vus. Nachdem wir den Blick zurück gerichtet und uns mit dem Attentat auf Sergej Kirow sowie dessen Folgen beschäftigt haben, kehren wir in die Gegenwart zurück. Wir rekapitulieren den Fall Walter Lübcke und betrachten den Amoklauf im hessischen Hanau und was darauf jeweils folgte. In einem demokratischen Rechtsstaat würden unabhängige Ermittler und Sachverständige diese Tötungsdelikte aufklären. Am Schluss ihrer Arbeit würden sie der Öffentlichkeit die Ergebnisse mitteilen, sie über die wahren Hintergründe und den tatsächlichen Ablauf der Ereignisse in Kenntnis setzen. Stattdessen erleben wir gerade einen gigantischen Schauprozess mit vielen kleinen Wyschinskis in den Redaktionen der Medien und den Zentralen der herrschenden Parteien. Ihnen allen geht es nicht um faktenbasierte Aufklärung, sondern um eine Instrumentalisierung des Geschehenen. Es geht ihnen, siehe Schlögel, nicht darum, Beweise zu liefern, sondern eine phantastische Geschichte zu erzählen, die Furcht erregen und verwirren soll. Sie reden nicht von „tollwütigen Hunden“, die es zu erschießen gelte, aber doch von „Krebsgeschwüren“, die man rücksichtslos ausrotten müsse, von Abschaum und Gesindel. Die Sprache des Gulag, damals und heute.

In einem Land, das angeblich aus der Geschichte gelernt haben will, sollten derlei historische Parallelen die Bürger mehr ängstigen und verstören, als es tatsächlich der Fall ist. Dies umso mehr, wenn im Windschatten jener Vorkommnisse ein Mann widerspruchslos zum Regierungschef eines Bundeslandes gekürt wird, für den Stalin noch immer ein Genosse ist, dem im Ausland begegnet zu sein – wenn auch nur als Kühlschrankmagnet – ihn selbst amüsiert und bei den Parteifreunden daheim Heiterkeit auslöst.

 

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