Politik muss sich dem Volk öffnen – Eine Replik auf Mathias Brodkorb

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Mathias Brodkorb, SPD-Landtagsabgeordneter und früherer Finanzminister in Mecklenburg-Vorpommern, hat sich in einem Namensbeitrag für die Neue Zürcher Zeitung mit der ostdeutschen Mentalität auseinandergesetzt. Der Text mit dem Titel „Die Ossis müssen sich der Welt öffnen“ erschien am 26. Oktober, also einen Tag vor der Landtagswahl in Thüringen. Daraus lässt sich schließen, dass es dem Autor in erster Linie darum zu tun ist, den erwarteten neuerlich Erfolg der AfD irgendwie zu erklären. Derweil ist erwähnter Urnengang Geschichte, die AfD hat tatsächlich beinahe ein Viertel der Wählerstimmen für sich gewinnen können und allenthalben wird wieder einmal gerätselt, wie es dazu kommen konnte. Immerhin hebt sich Brodkorbs Aufsatz wohltuend ab von den Hass- und Schimpftiraden an die Adresse der Ostdeutschen, wie sie ad nauseam vom linksgrünen Juste Milieu in Presse und Sozialen Medien verbreitet werden. Ich habe Mathias Brodkorb – immerhin hat er Philosophie studiert – stets als intellektuelles Schwergewicht innerhalb der anämischen SPD empfunden und mich manches Mal gefragt, wie so jemand es in einer geistig dermaßen ausgezehrten Partei überhaupt aushalten kann. Bedauerlicherweise vergibt Brodkorb die Chance, sich in seinem Beitrag an wirklich neue, über die gängigen Stereotypen und Phrasen hinausweisende, mithin also politisch inkorrekte Erklärungsansätze heranzuwagen.

Stattdessen werden die beiden Standarderzählungen in Bezug auf die Ursachen des ostdeutschen Abweichlertums nur mehr erneut aufbereitet. Da ist zunächst der Zusammenbruch der DDR mit anschließender Wiedervereinigung und all dem Ungemach, welches in diesem Kontext über die Ossis hereinbrach. Den Ungerechtigkeiten der Wendezeit und dem wirtschaftlichen Niedergang folgten soziale Verwerfungen, die das Prekariat gebaren, welches mutmaßlich heuer die AfD wählt. Um seine eigene Politik als langjähriges Mitglied der Landesregierung nicht diskreditieren zu müssen, legt Brodkorb gleichwohl Wert darauf, dass es den Ostdeutschen gegenwärtig materiell so gut ginge, wie nie zuvor. Die Paradoxie bestünde freilich darin, dass jene nichtsdestotrotz sehr unzufrieden seien. Ein Dilemma übrigens, vor dem seinerzeit auch Erich Honecker stand, der nicht recht begreifen konnte, warum die DDR-Bürger immer unzufriedener wurden, obwohl es ihnen unterm Strich doch so viel besser ging als in der Nachkriegszeit. Wenn daraus nun geschlussfolgert wird, dass „sich der Mensch offenbar nicht auf die Funktion eines Konsumautomaten reduzieren lässt“, wundere ich mich schon ein bisschen, warum der hochmögende Autor mit keinem Satz der Frage nachgeht, was außer Wohlstand den Bürgern denn noch so wichtig sein könnte, dass sie sich gegenüber den Gehorsamsansprüchen der Machthaber dermaßen renitent erweisen. Vor derlei Gedankengängen zurückschreckend, rettet sich Brodkorb in den Gemeinplatz aller Funktionäre unserer Zeit, nämlich das ein Fachkräftemangel den mühsam erlangten Wohlstand bedrohe und mehr Zuwanderung folglich unumgänglich sei. Die Ossis müssten sich entscheiden, ob sie unter sich bleiben wollen, was wirtschaftliche Stagnation zur Folge hätte, oder aber sich der Welt öffnen. Letzteres solle von der jungen Generation notfalls auch im Konflikt mit den offenkundig als irgendwie zurückgeblieben wahrgenommenen Eltern und Großeltern durchgesetzt werden.

Vor einiger Zeit lief im Fernsehen eine Reportage über das ferne und bis anhin ziemlich isolierte Königreich Bhutan hoch oben im Himalaya. Dort würde es inzwischen ökonomisch aufwärts gehen, weil sich das Land zur Außenwelt öffne. Daran musste ich denken, als ich Brodkorbs Beitrag in der NZZ las. Der atmet vor allem auch die kalte Verachtung des intellektuellen Salon-Linken für die Massen, den Plebs. Das wiederum hat möglicherweise mit der Kindheit des Autors zu tun: Als Mathias Schaumburg wuchs der spätere SPD-Politiker in meiner direkten Nachbarschaft im Rostocker Bahnhofsviertel auf. Sein älterer Bruder Thomas ging mit mir in eine Klasse, war häufig bei uns daheim zu Gast. Die Mutter litt unter schwerem Alkoholismus und der Vater lebte im österreichischen Korneuburg bei Wien. Soziale Ausgrenzung, Aufenthalte im Kinderheim und Schikane seitens der Mitschüler sind zweifellos kein Zuckerschlecken und traumatisieren ein Kind für den Rest seines Lebens. Vor allem eines hat sich damals in mein Gedächtnis eingebrannt, nämlich wie sich das Verhalten der Klassenkameraden gegenüber den Schaumburg-Brüdern schlagartig änderte, als deren genehmigte Ausreise in den Westen ruchbar wurde. Plötzlich konnten sich die unerwartet Erlösten vor angeblichen Freunden gar nicht mehr retten, die alle hofften, fürderhin mit Paketen aus Österreich bedacht zu werden. Die Erfahrung dieses Wandels vom immerfort gehänselten Schulopfer in der muffigen DDR zum allseits beneideten Umsiedler ins kapitalistische Ausland dürfte Spuren hinterlassen haben und auch den Blick des Mathias Brodkorb auf die Ostdeutschen heute prägen. So wie bei Lenin, der vom Schweizer Exil aus die Vorgänge in der rückständigen Heimat verfolgte und die dortigen Landsleute geringschätzte ob ihres Unwillens, sich als Verfügungsmasse für die revolutionäre Umsetzung marxistischer Planspiele herzugeben.

Es scheint mir völlig müßig, darüber zu lamentieren, was im Zuge der Wiedervereinigung doch alles falsch gelaufen sei und ferner zu rätseln, ob das mit dem Erfolg der AfD in Ostdeutschland heute etwas zu tun haben könnte. Man ist zwischen Kap Arkona und Fichtelberg bis 2013 ganz trefflich ohne AfD ausgekommen und kaprizierte sich in der Hoffnung auf soziale Verbesserungen aber auch um der Pflege der eigenen Identität willen auf die Unterstützung der heute als Linkspartei firmierenden PDS. Wenn es damals schon eine „Verachtung des Staates sowie seiner Institutionen und Eliten“ gab, über die Brodkorb fabuliert, dann wurde sie von eben jener Ex-SED, der er selbst einige Jahre angehörte, sehr gekonnt für die eigene Wiederauferstehung in Dienst gestellt. Ich selbst würde es freilich nie so nennen, denn was hier als Verachtung des Staates gleichsam kriminalisiert wird, ist tatsächlich ein völlig zurecht sehr tief sitzendes und im kollektiven Bewusstsein der Ostdeutschen fest verankertes Misstrauen gegenüber dem Staat sowie dessen Institutionen und den herrschenden Eliten sowieso. Wenn Brodkorb diese Haltung suspekt ist, offenbart er sich uns als nicht wirklich in der Wolle gefärbter Linker, sondern vielmehr als waschechter Technokrat, der die Insubordination seiner Untergebenen einfach nicht hinnehmen will.

Die in Ostdeutschland besonders große Unterstützung der AfD ist nicht der Fluch der bösen Taten seitens Treuhand oder Besserwessis. Sie hat nichts mit Verlorenem oder bislang nicht Erreichtem zu tun. Im Gegenteil! Dieses politische Phänomen ist ein Ausdruck größter Wertschätzung und Dankbarkeit für das nationale Aufbauwerk im Osten und der wachsenden Sorge, all das sukzessive wieder zu verlieren. Die AfD wird in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen nicht etwa deshalb gewählt, weil die Menschen dort irgendwie mental deformiert wären oder durch Jahrzehnte der Umbrüche seelische Schäden davongetragen hätten, sondern weil sie nicht wollen, dass 30 Jahre harte Arbeit und Entbehrungen am Ende des Tages umsonst waren. Die Bevölkerung der ehemaligen DDR hat in ihrer großen Mehrheit die Wiedervereinigung gewollt und begrüßt, um endlich wieder als Deutsche in einer Nation zusammenleben zu können. Ihr war klar, dass man dafür einen hohen Preis würde zahlen müssen, was durch Patriotismus und Heimatliebe freilich etwas erträglicher wurde. Man wusste ja, wofür. Nun zu erleben, wie die gegenwärtig herrschenden Eliten zielstrebig auf einen politischen wie ökonomischen Selbstmord eben dieser Nation hinarbeiten, ist ein Schock, der sich vorderhand an den Wahlurnen niederschlägt, so wie gerade erst vor wenigen Tagen in Thüringen.

Dort haben nicht die sogenannten Abgehängten ihr Kreuz bei der AfD gemacht, sondern vor allem die Berufstätigen – also Arbeiter, Handwerker und Angestellte oder anders ausgedrückt die Leistungsträger der Gesellschaft. Eine Wahlanalyse von Infratest dimap ergab, dass die Mehrheit der AfD-Wähler ihre wirtschaftliche Situation als gut empfindet. Nur jeder fünfte AfD-Wähler in Thüringen (22 Prozent) bezeichnet die eigene wirtschaftliche Situation als schlecht, aber drei Viertel bezeichnen sie als gut. Schon gar nicht ist das Wahldebakel der etablierten Parteien das Werk der Senioren, die in Ermangelung weltanschaulicher Geschmeidigkeit und ihrer vorgeblich inhärenten Verbitterung wegen als besonders anfällig für den Rechtspopulismus gelten. Nein, gerade die, gegen welche Brodkorb die ach so kosmopolitische „nachwachsende Generation“ in Stellung bringen will, haben mehrheitlich dem konventionellen Parteienspektrum die Treue gehalten. Bei allen Wählern unter 60 jedoch reüssierte die AfD. Es sind jene, für welche die wachsende Diskrepanz zwischen der eigenen Lebenswirklichkeit und dem Paralleluniversum der Eliten besonders augenscheinlich ist. Der Ossi des Jahres 2019 nimmt es den Westdeutschen nicht mehr übel, wenn windige Geschäftsleuten von jenseits der Zonengrenze ihn drei Jahrzehnte zuvor über den Tisch gezogen haben, missbilligt es aber sehr wohl, dass ausgerechnet im Westen das gemeinsame Vaterland so widerstandslos preisgegeben wird.

Dies und nicht Wohlstandsneid oder vererbtes Hinterwäldlertum ist der Grund für die wieder zunehmende Entfremdung zwischen Ost und West sowie den befremdlich aufflammenden Identitätsstolz der Menschen in den noch immer so genannten neuen Bundesländern. Deren Bewohner müssen sich auch nicht der Welt öffnen. Das haben sie längst getan und zwar schon vor dem Mauerfall, der ja auch deswegen so bejubelt wurde, weil man nun endlich hinaus konnte in die große, weite Welt: Visafrei bis Hawaii! Fernweh und Reisefreudigkeit der Ostdeutschen in den Jahren nach der Wiedervereinigung waren legendär. Dabei standen die Urlaubsmotive „neue Eindrücke sammeln“, „viel erleben“ und „unterwegs sein“ sehr viel stärker im Vordergrund als bei Westdeutschen. Die Ostbürger machten deutlich mehr Ausflüge, unternahmen mehr Wanderungen und zeigten sich an Sehenswürdigkeiten interessierter. An den Strand zog es nicht einmal ein Viertel (23 Prozent) von ihnen, und eine Pauschalreise buchten gerade mal 14 Prozent, während es im Westen 1990 immerhin 30 Prozent waren. Noch 2001 besuchten rund 1,8 Millionen Ostdeutsche das Ausland.

Brodkorb verkennt, dass Weltoffenheit im klassischen Sinne bedeutet, fremde Völker und Kulturen in ihrem traditionellen Lebensraum zu besuchen und mit allem gebotenen Respekt kennenzulernen. Sämtliche Mühseligen und Beladenen auf dem ganzen Erdenrund einzuladen, nach Deutschland bzw. Europa zu kommen, um sich hier mit Kind und Kegel dauerhaft anzusiedeln, hat mit Weltoffenheit nichts zu tun, ist schlicht Wahnsinn. Solches zuzulassen überfordert die Wirtschaft, zerstört die Wohlfahrtssysteme und destabilisiert gesellschaftlichen Zusammenhalt wie sozialen Frieden. Allein darum geht es und nicht um eine vergleichsweise überschaubare Zahl von ausländischen Fachkräften, gegen deren Zuzug wohl kaum ein Ostdeutscher etwas einzuwenden haben dürfte. Die Aufforderung des SPD-Politikers, die „Ossis müssen sich der Welt öffnen“, ist daher nicht nur dreist, sondern auch unredlich. Mathias Brodkorb, hin und wieder gerne mal den Querdenker gebend, verharrt in der selbstreferentiellen Blase des politischen Establishments und benennt Pseudoprobleme als Ursachen für dessen wachsende Existenznöte. Das nachgerade unauflösliche Dilemma dieser Leute besteht darin, dass sie wohl wissen, was der wahre Grund für die Erfolge der AfD ist, sie ihn aber nicht einmal benennen können, weil dadurch ihre eigene, mit so viel Vehemenz betriebene Politik generell infrage gestellt würde. Einer Anerkenntnis der wahren Ursachen für die Gemütslage von immer mehr Deutschen müssten wirkungsvolle Gegenmaßnahmen zwingend folgen. Doch dann wären Legitimität und Machtbasis der dafür verantwortlichen Parteien unwiderruflich dahin.

 

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3 Gedanken zu „Politik muss sich dem Volk öffnen – Eine Replik auf Mathias Brodkorb

  1. Stieß auf Ihre Seite, als ich eben „Robert Michels heute“ suchte und dabei Ihren Aufsatz In Sachen AfD fand. Las zuerst diese Entgegnung auf Brodkorb. Prima Stück, bin beeindruckt: stilistisch fein geschrieben, argumentativ sauber und klar aufgebaut, nachvollziebar und daher im Gedächtnis bleibend. Schicke ich jetzt gerne ein paar Leuten weiter.

  2. Es ist wirklich ein Jammer, dass Sie nicht mehr der AfD angehören. Mir fällt kaum jemand ein, der an Ihr intellektuelles Niveau heranreicht. Aber wahrscheinlich wollte man Sie deshalb auch aus dem Weg haben und mundtot machen. So ganz ist das ja glücklicherweise nicht gelungen. Ich hoffe auf ein Comeback!

  3. Der Brodkorb hat doch nie in seinem Leben auch nur einen Tag richtig gearbeitet. Abitur, Studium und dann gleich in die Politik. Solche Typen haben vom wirklichen Leben doch keinen blassen Schimmer. In der DDR mussten die Intellektuellen ja ab und zu auch mal zum Arbeitseinsatz in die Produktion, damit sie den Bezug zur Realität nicht verlieren. Das könnte man wieder einführen für die Politiker und sonstigen Klugscheißer.

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