Das Haus der Versuchungen

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In einem großen deutschen Nachrichtenmagazin war vor Jahren einmal zu lesen, dass der französische Staatsapparat deswegen so bürgerfern agiere, weil selbst der kleinste Amtsvorsteher seine Diensträume in irgendeinem prächtigen Palais aus der Zeit von Ludwig XVI. oder Napoleon hätte und sich deshalb selbst wie ein kleiner Sonnenkönig fühlen würde. Wenn also nach Marx und Engels das Sein unser Bewusstsein bestimmt, dann muss ein Beamter oder Politiker, der seine Tage zwischen opulenten Rokokomöbeln unter glitzernden Kronleuchtern und vergoldeten Stuckdecken verbringt, zwangsläufig über kurz oder lang monarchische Allüren an den Tag legen. Wer sich in seiner Mietwohnung nach Feierabend als unbedeutender, von Frau oder Nachbarn schikanierter Wurm fühlt, wächst so zum Gebieter über seine eigenen Untertanen, wenn auch nur während der Bürozeit. Insofern scheint es absolut folgerichtig, dass das Machtzentrum der alten Bonner Republik ein Flachbau mit dem „Charme einer rheinischen Sparkasse“ (Helmut Schmidt) war.

Als ich im September 2016 mit siebzehn weiteren Vertretern der AfD in den Landtag von Mecklenburg-Vorpommern gewählt wurde, erschien mir das eingangs beschriebene Phänomen sehr bald als die vielleicht größte Herausforderung. Das Schweriner Schloss wurde ja nicht gebaut, um späterhin ein Parlament zu beherbergen, sondern hatte der Macht und Herrlichkeit seiner großherzoglichen Hausherren gebührenden Ausdruck zu verleihen. Heute residiert keine königliche Hoheit von Gottes Gnade in dem märchenhaften Prunkbau. Es ist zum Arbeitsplatz von sogenannten Volksvertretern geworden, die nunmehr in den vormaligen Wohn- und Repräsentationsräumen der mecklenburgischen Regenten wirken, inmitten von üppigem Stuck und Marmor, glänzenden Lüstern und edlem Parkett. Gleichwohl liegt das Schloss auf einer Insel, wird das Volk auf Abstand gehalten durch den See und eine Brücke darüber hinweg. Selbst von der Raucherecke am Reiterstandbild des Fürsten Niklot unterhalb der güldenen Hauptkuppel blickt man auf Schwerin herab wie einst die Cäsaren auf Rom.

Als Willy Brandt im Jahre 1969 Kanzler der westdeutschen Republik wurde, mahnte er sich und seine Mitstreiter: „Wir sind nicht erwählt, wir sind gewählt.“ Wer sich als Politiker in einem Parlamentssitz wie dem Schweriner Schloss nicht ständig an dieses Diktum des großen Sozialdemokraten erinnert, der wird schnell abheben und sich für etwas Besseres halten. Versuchungen in eine solche fatale Richtung lauern freilich überall. Da ist zum Beispiel das jährliche Sommerfest des Landtagspräsidenten im Garten auf der Schlossinsel. Es kommt alles, was irgendwie mit der Politik zu tun hat und letztlich von ihr lebt: Kulturfunktionäre, Gewerkschaftsbosse, Stiftungskader, Unternehmerverbandsführer u.s.f., eben die ganze Nomenklatura des Landes. Dazu erlesene Jazzmusik und verschwenderische Buffets. So oder ähnlich müssen sich auch die Hofbälle der Großherzöge abgespielt haben. Der Plebs hat natürlich keinen Zutritt. Dafür sorgen Sicherheitsleute an der Schlossbrücke. Manche, die sich eben noch während der Debatte im Plenarsaal beschimpfen lassen mussten, fühlen sich jetzt geehrt, wenn der Innenminister ihnen ein Lächeln schenkt, der IG Metall-Vorsitzende mit ihnen anstößt oder andere Großkopferte sich zu ihnen an den Tisch gesellen und freundliche Worte wechseln. Plötzlich gehört man scheinbar nicht mehr zur Kaste der Unberührbaren, ist einer der ihren und Teil der Hofgesellschaft. Das tut gut und anderntags werden dann stolz die Trophäen vorgezeigt: Wer hat mit welchen Spitzenleuten aus Landtag und Regierung wie lange plaudern dürfen und von der Sonne ihrer Gnade ein wenig Glanz abbekommen?

Doch Vorsicht! Es ist heikel, auf derlei Verhaltensweisen herablassend und verurteilend zu reagieren. Wir würden uns sonst mit der Evolution selbst anlegen. Es ist seit jeher ein Hauptbedürfnis der Menschen, nicht isoliert zu sein. Wir sind Sippenwesen und deshalb instinktiv darauf ausgerichtet, zur Gruppe dazuzugehören. In der Gruppe fühlen wir uns sicher, geschützt und akzeptiert. Anthropologen wissen, dass Menschen darauf angewiesen sind und waren, in der Gemeinschaft zu leben. In früheren Zeiten war Zugehörigkeit überlebenswichtig. Alleinsein bedeutete Risiko und sogar Tod. Der Wunsch, zu den anderen zu gehören, ist also evolutionsbiologisch in uns verankert. Unser Bedürfnis nach Zugehörigkeit geht so weit, dass wir uns bei der Ausrichtung von Werten, Verhaltensweisen und wie wir uns nach Außen zeigen in aller Regel an der Gruppe orientieren. Das Bestreben, von der Mehrheit anerkannt und angenommen zu werden, findet sich allenthalben auch in der Politik. Während der großen Säuberungen in der Sowjetunion unter Stalin oder in China unter Mao litten nicht wenige Kommunisten wesentlich mehr unter dem Ausschluss aus der Partei als unter den Folterungen der Geheimpolizei und einer drohenden Hinrichtung. Hier liegen auch die Ursachen für das von mir beschriebene Verhalten der meisten Protagonisten in den Parteien und Parlamenten, eigentlich in jeder Form menschlicher Organisation.

Fazit: Anpassendes oder sogar anbiederndes Verhalten mag Ausdruck von Charakterschwäche sein, ist aber in erster Linie auf evolutionsbiologische Prädispositionen zurückzuführen. Das war in früheren Epochen der Menschheitsgeschichte überlebenswichtig, kann heute aber gerade in der Politik von Nachteil sein, wenn das unbewusste Streben nach Zugehörigkeit und Akzeptanz bei der einen – größeren – Gruppe zulasten des Erfolgs einer anderen – kleineren – Gruppe geht. In unserem Falle stehen sich einander widerstrebende Sehnsüchte gegenüber, nämlich der Wunsch nach dem Wohlwollen der Mehrheitsgesellschaft einerseits und der Wille, die AfD zum Erfolg zu führen, anderseits. Abschließend lässt sich konstatieren, dass dieser Kampf in uns selbst nur von den stärksten Persönlichkeiten im Sinne unserer gemeinsamen Sache entschieden werden kann. Gerade weil die Politik voller Versuchungen ist, seien es Pfründe und Privilegien oder prunkvolle Kulissen und nützliche Beziehungen, kommt es darauf an, dass wir unsere innere Widerstandskraft gegen die Verlockungen des Hoflebens, um bei dem Bild zu bleiben, immerfort stärken. Odysseus ließ sich an den Mast seines Schiffes binden, um den Gesängen der Sirenen nicht zu erliegen. Das können wir nicht, ohne unserer Handlungsfähigkeit beraubt zu werden. Um so mehr braucht es in diesen Zeiten starke und sich ihrer selbst gewisse Persönlichkeiten, welche die Sirenen zwar hören aber ihnen trotzdem aus eigener Kraft zu widerstehen vermögen.

 

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