Notre Dame oder das Feuer unserer Identität

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Am Morgen des Allerheiligentages 1755 saßen die meisten Bürger Lissabons in den zahlreichen Kirchen der portugiesischen Hauptstadt an der Tejo-Mündung, als das Inferno plötzlich über sie hereinbrach. Um 9.40 Uhr erschütterte ein Erdbeben der Stärke 9 die gesamte Region und zerstörte drei Viertel der Gebäude. Was danach noch halbwegs intakt war, wurde von einer Feuersbrunst verheert. Und als ob das nicht schon genug war, gab ein Tsunami der Stadt und ihren Menschen den Rest. Vermutlich forderte die Katastrophe insgesamt bis zu 100.000 Opfer. Neben Lissabon waren auch die umliegenden Dörfer und Kleinstädte betroffen. Dieses Erdbeben ist nicht nur ein Naturereignis mit fürchterlichen Auswirkungen auf Portugal selbst gewesen. Vielmehr entwickelte das Vorkommnis in der Folge eine Tragweite, die sich auf ganz Europa und darüber hinaus erstreckte.

Es erscheint durchaus fraglich, ob die Aufklärung des 18. Jahrhunderts ohne die Katastrophe von Lissabon so erfolgreich gewesen wäre, denn nach jenem Unglückstag lagen nicht nur die portugiesische Hauptstadt und deren Umgebung in Trümmern, sondern auch religiöse Gewissheiten, die jahrhundertelang kaum jemand in Zweifel zu ziehen gewagt hatte. Das ohnehin unter Rechtfertigungsdruck stehende Christentum musste sich der Frage stellen, wie ein gütiger und allmächtiger Gott den grauenvollen Tod so vieler frommer Bürger eines geistigen Zentrums des Katholizismus noch dazu an Allerheiligen und während der Messe zulassen konnte. Weitere Verwirrung stiftete der Umstand, dass die Alfama, das Rotlichtviertel von Lissabon, sowohl Erdbeben als auch Feuer und Flutwelle nahezu unbeschadet überstanden hatte. Die Theodizee-Problematik erschien endgültig unlösbar. In der europäischen Öffentlichkeit löste all das heftige Diskussionen nicht nur unter Philosophen wie Voltaire und Kant aus. Auch das unzufriedene Bürgertum begann verstärkt infrage zu stellen, dass die politische Ordnung tatsächlich und unabänderlich gottgewollt sei.

Katastrophen wie seinerzeit in Portugal oder eben jetzt das Großfeuer in der Pariser Kathedrale Notre Dame zeitigen Konsequenzen, welche über das eigentliche Ereignis weit hinausgehen. Zwar forderte letzteres, nach allem, was wir wissen, keine Todesopfer, aber der Schock hat die Menschen quer durch den Kontinent einmal mehr mit Wucht erfasst. In beiden Fällen bleibt vor allem die quälende Frage nach den Ursachen als die Gemüter maßgeblich bewegend zurück. Wie kann es sein, dass ein so mächtiger Kirchenbau in Friedenszeiten und am hellichten Tage einfach in Flammen aufgeht? Die Spekulationen begannen allenthalben schon ins Kraut zu schießen, kaum dass die ersten Fahrzeuge der Feuerwehr vor Ort angerückt waren. Brandstiftung seitens muslimischer Terroristen erscheint nicht wenigen als durchaus plausible Option, ein Fanal für die endgültige Unterwerfung des Abendlandes wenige Tage vor Ostern, dem höchsten Fest der Christenheit. Anderen ist es lediglich ein simpler Unfall gewesen als Folge der laufenden Sanierungsarbeiten. Ließ ein Restaurator etwa inmitten der 800-jährigen Holzbalken im Dachstuhl versehentlich einen Glimmstengel fallen? Oder wurde die Hauptkirche des französischen Katholizismus vom Zorn Gottes getroffen, der auf das blasphemische Treiben seines Bodenpersonals mit einem deutlichen Zeichen des Protests reagiert hat?

Es bleibt vorderhand zu hoffen, dass die zuständigen Ermittlungsbehörden der Weltöffentlichkeit einen glaubhaften Auslöser für dieses schauderhafte Unglück präsentieren werden. Vor dem Hintergrund eines drohenden Kampfes der Kulturen, mithin einer sich verschärfenden Auseinandersetzung zwischen westlicher Zivilisation und islamischer Weltanschauung, wäre es fatal, würden diesbezüglich langfristig Unklarheiten bestehen bleiben, wie etwa beim Reichstagsbrand von 1933. Die Verantwortung für dieses Feuer konnte bis anhin nicht abschließend ergründet werden. Über solcherlei eher technische Fragen hinaus wäre es freilich wünschenswert, wenn die Katastrophe von Paris eine europaweite Debatte über unsere abendländische Identität an sich auslösen würde. Was bedeutet uns das kulturelle Erbe aus zweitausend Jahren christlicher Geschichte, wie es sich auch in der Kathedrale Notre Dame materialisiert hat? Sind die vielen Kirchen, Klöster, Burgen, Schlösser und Bürgerhäuser überall in Europa nur noch steinerne Hinterlassenschaften einer fernen und fremden Vergangenheit oder aber gemahnen sie uns zur Verantwortung gegenüber unseren Ahnen, ohne deren Wirken die Errungenschaften der Gegenwart undenkbar wären?

Von Schopenhauer stammt die Feststellung, dass uns erst der Verlust von Dingen über deren Wert belehrt. Wenn dem so ist, dann könnte sich das Feuer von Paris am Ende als Glücksfall herausstellen. Ohne uns die Kathedrale Notre Dame dauerhaft und unwiederbringlich genommen zu haben, macht diese Brandkatastrophe doch deutlich, wie schnell wir sogar derart machtvolle und für die Ewigkeit konzipierte Monumente verlieren können. Wenn wir nicht acht geben, und das ist in meinen Augen die Botschaft jenes 15. April 2019, dann kann es sein, dass diese Kirche zwar wieder aufgebaut wird, so wie viele historische Gebäude nach dem letzten Weltkrieg neu aufgebaut worden sind, wir gleichzeitig aber preisgegeben haben, was derartige kulturelle Großtaten erst möglich gemacht hat: unsere Identität und die daraus gewachsene zivilisatorische Kraft. Wenn der gespenstische Anblick des von der brennenden Pariser Kathedrale herabstürzenden Turmkreuzes den Völkern Europas diese Gleichgültigkeit gegenüber dem Eigenen austreiben könnte, dann wäre es ein reinigendes Feuer und als solches nicht sinnlos gewesen.

 

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