100 Jahre Lettland – Zu Besuch in Riga

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Riga ist eine Partnerstadt von Rostock und zwar seit 1961. Das hatte mit der deutsch-sowjetischen Freundschaft zu tun und sollte die eben erst eingemauerten Bewohner der Warnowniederung dem großen Bruder näher bringen. Eingeweihten unvergessen ist der programmatische Schlager „Rostock grüßt Riga“, den Siegfried Koenig mehr als einmal bei „Klock 8, achtern Strom“ im DDR-Fernsehen zum Besten gab. Riga war auch mal Hansestadt und liegt wie Rostock an einem Fluss, der wenige Kilometer weiter in die Ostsee mündet. Das ist es dann aber auch schon gewesen an Gemeinsamkeiten. Rostock wird durch die biedere Provinzialität eines Ortes gekennzeichnet, dessen Präsentation nach außen vor allem die Selbstdarstellung einer relativ kleinen Elite ist, denn etwas, wozu die Menschen sich aus einem inneren Antriebe heraus gedrängt fühlten. Das beginnt mit der aufgesetzten Weltoffenheit, die mehr ideologischer Zwang und politischer Auftrag ist als natürliche Lebenshaltung und fand vorderhand praktische Umsetzung in einer peinlich verklemmten 800-Jahr-Feier. Letztere scheint absichtlich so konzipiert worden zu sein, dass möglichst wenige Bürger etwas davon mitbekommen, um allfälligen patriotischen Aufwallungen bloß keinen Vorschub zu leisten. Das kann sich eine Stadt, hört man allenthalben, die geschichtspolitisch inzwischen nur noch aus Lichtenhagen 1992 besteht, auch gar nicht leisten.

Vielleicht sind die Ufer der Daugava steiler / noch höher im Frühling die Möwen im Flug …“ singt Siegfried Koenig zweifelnd in seinem Lied. Auf jeden Fall findet sich in Riga all das, was Rostock so gerne hätte, nämlich Weltoffenheit, die aus einem ehrlichen Herzen entspringt, weil sie dort freundlich koexistiert mit leidenschaftlicher Liebe für das Eigene. Was das bedeutet, durfte ich unlängst während der Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag der Unabhängigkeit Lettlands am 18. November ebenda erleben. Allein während der Fahrt mit dem Taxi vom Flughafen zum Hotel meinte ich mehr lettische Fahnen an den Häusern zu sehen, als wohl in der ganzen Bundesrepublik am Einheitsfeiertag deutsche Landesflaggen hängen. Fernerhin fiel mir auf, dass alle Menschen, die mir in Riga begegneten, eine Kokarde oder ein als Victory-Zeichen drapiertes Schmuckband in den lettischen Farben trugen. Überall im Stadtzentrum waren Lichtinstallationen und passend zum Anlass illuminierte Gebäude zu bestaunen. Innert kürzester Zeit fühlten wir uns von der patriotischen Feierstimmung der Letten angesteckt und das schien auch den meisten anderen ausländischen Besuchern so zu gehen. Es ist eben dieser Geist, der integrativ wirkt, jede Menge Kurzzeitletten hervorbringt und es mir nachgerade selbstverständlich erscheinen ließ, mich mit meinem etwas altmodischen Sprachführer in der Hand wenigstens ansatzweise auf Lettisch zu verständigen.

Als wir am Vorabend des Unabhängigkeitstages in der Arēna Rīga einer Aufführung beiwohnten, bei der mehrere hundert Mitwirkende durch Ballett- und Volkstanzdarbietungen die Geschichte Lettlands auf phantastische Weise in Szene setzten, fiel es schwer, eine tiefe innere Rührung zurückzuhalten. Gänzlich unmöglich wurde das, als sich alle 11.000 Zuschauer erhoben und gemeinsam die Nationalhymne sangen: „Dievs, svētī Latviju“ (Gott, segne Lettland). Dass solcherlei Ausdruck glühender Vaterlandsliebe auf uns Deutsche inzwischen schon beinahe befremdlich wirkt, ist an und für sich schlimm genug. Die Natürlichkeit, mit der die Balten an dieser Stelle jedoch ganz bei sich selbst sind, lässt in jedem klarsichtigen Gast aus der Bundesrepublik freilich schnell die Erkenntnis wachsen, dass das Problem bei uns und dem uns allenthalben anerzogenen Hass auf das eigene Volk, die eigene Nation liegt. Für die Esten, Letten und Litauer hingegen war und ist der Patriotismus schlichtweg überlebenswichtig.

Der Unabhängigkeitstag begann recht früh mit einer Kranzniederlegung am Freiheitsdenkmal im Herzen von Riga. Regierung, diplomatisches Corps und jede Menge weiterer Honoratioren waren gekommen, um Blumen niederzulegen – eine würdige Zeremonie, die von Tausenden Schaulustigen aus aller Welt begleitet wurde. Uns Besuchern aus einem Land, in dem man beinahe zeitgleich Weihnachtsmärkte zu Festungen ausbaute, fiel auf, dass es kaum Polizisten bedurfte und erst recht keiner LKW-Sperren oder Betonbarrieren, um diese und alle anderen Veranstaltungen des Tages abzusichern. Tu felix Lettonia!

Auf dem Weg zur sich zeitlich anschließenden Militärparade am Ufer der Daugava schauten wir kurz im Armeemuseum vorbei. Dort konnten sich die Erwachsenen über Jahrhunderte des lettischen Freiheitskampfes informieren, während Kinder eingeladen waren, für die Soldaten kleine Präsente zu basteln. Linksgrüne Gutmenschen buntdeutscher Provenienz hätten bei diesem Anblick sicher Krampfanfälle bekommen. Sei es drum. An der Parade nahmen an der Seite der lettischen Streitkräfte auch Abordnungen verbündeter Armeen teil, sogar vier Herren aus Flintenuschis armseliger Truppe. Denen muss schon beim Anblick des gastgebenden Verteidigungsministers mulmig geworden sein. Raimonds Bergmanis war professioneller Gewichtheber, bevor er die Führung des lettischen Militärs übernahm und macht den Eindruck eines Mannes, der es allein mit drei ausgewachsenen Bären aufnimmt.

Inzwischen war die Dämmerung hereingebrochen. Nach einem deftigen Mahl im mittelalterlichen RestaurantRozengrāls“ begaben wir uns zum Denkmal von Kārlis Ulmanis, des lettischen Präsidenten der Zwischenkriegszeit, dem, obschon nicht völlig unumstritten, noch heute große Verehrung zuteil wird. Dort hatte sich eine unüberschaubare Menschenmenge mit Fackeln eingefunden, um in den kommenden Stunden als schier endloser Strom durch die Rigaer Innenstadt zu ziehen. Ungefähr in der Mitte neben der Menge herlaufend, konnte ich weder Anfang noch Ende des Fackelmarsches ausmachen und schätzte die Zahl der Teilnehmer auf rund 100.000. Sind patriotische Manifestationen in Deutschland eher Sache der älteren Semester, gehen in Lettland vor allem junge Leute für ihr Vaterland auf die Straße, darunter auch viele, deren äußere Erscheinung auf eine eher linke Gesinnung schließen ließe. Heimatliebe ist im Baltikum nicht Sache eines bestimmten politischen Lagers, sondern vielmehr das wahrhaft verbindende Element in der Gesellschaft, unabhängig davon, welche Haltung man zu anderen Themen sonst hat. Anders als der in Deutschland mit Hingabe ausgelebte Selbsthass entfaltet der lettische Patriotismus auch eine inklusive und integrative Kraft. Das wurde daran deutlich, dass sogar zahlreiche ausländische Zeitgenossen, einige wohl Studenten aus Südostasien und Afrika, mit ihren Fackeln unter den Einheimischen zu sehen waren. Ein junger Mann aus Sachsen trug eine Deutschlandfahne durch das abendliche Lichtermeer, wofür er regen Zuspruch erntete. All das spielte sich in einer ehrfurchtsvollen, fast schon sakralen Atmosphäre ab, ganz ohne Lärm und Gebrüll. Und wieder fiel auf, dass kaum Polizisten entlang der Marschroute zu sehen waren und wenn, dann regelten sie den Verkehr.

Weiterer Höhepunkt der Unabhängigkeitsfeiern war ein Konzert mit Orchester und vier Chören, die sich rund um das Freiheitsdenkmal aufgestellt hatten, begleitet von den Stars der lettischen Musikszene. Deren Gesang wurde zwischendurch angereichert durch den Vortrag patriotischer Texte und Gedichte seitens einer Reihe von Vertretern verschiedener Bereiche des öffentlichen Lebens. Am Schluss hielt der lettische Staatspräsident Raimonds Vējonis eine kurze Ansprache, worauf alle Anwesenden die Nationalhymne sangen. Als grandioser Abschluss des Tages kann das Feuerwerk über der Daugava gelten, zu welchem sich abermals Hunderttausende entlang des Flussufers versammelt hatten. Ich habe nun schon viele derartige Spektakel miterleben können, aber keines war auch nur annähernd so imposant wie dieses. Verglichen damit war das Feuerwerk zum 800. Jubiläum der Rostocker Stadtgründung eine klägliche Zumutung. „Vielleicht sind die Wasser der Warnow auch seichter“, fragt Siegfried Koenig in seinem Song an anderer Stelle. Das müsste man ausmessen. Seicht sind in Rigas deutscher Partnerstadt zweifellos ganz andere Dinge und lernen könnte sie von den Letten deswegen auch so allerhand. Vielleicht ja im nächsten Jahr. Dann feiert Tallinn seinen 800. Geburtstag. Was wir in Rostock leider vermissen mussten, kann in der estnischen Metropole ohne Frage nachgeholt werden.

 

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