Gedanken zum 29. Jahrestags des Mauerfalls

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Bald drei Jahrzehnte ist es nun her, dass sich große Teile der Bewohner eines Landes namens Deutsche Demokratische Republik gegen ein erstarrtes System erhoben und zum Einsturz brachten, was jeden Anspruch auf Zukunftsfähigkeit eingebüßt hatte. Diese exklusive Erfahrung teilen die Ostdeutschen mit nur wenigen europäischen Völkern unserer Zeit. Andere werden vielleicht ähnliche Erfahrungen sehr bald machen dürfen. Deshalb ist es wichtig, die Erinnerungen an jenen Herbst 1989 lebendig zu halten. In diesen Tagen ist es ein beherrschendes Thema zahlreicher Unterhaltungen in Familien, unter Freunden und Kollegen, in der Rückschau sich noch einmal zu vergegenwärtigen, wie es damals war, wo man selbst stand, wie man die atemberaubenden Vorgänge erlebte oder wo man sich gerade aufhielt, als in Berlin die Mauer fiel. Und nicht wenige Menschen fragen sich zudem, welche Lehren für die Zukunft aus diesen historischen Ereignissen zu ziehen sind. Das scheint mir der wichtigste Aspekt überhaupt jeder Form von Erinnerungskultur zu sein.

Zu allen Zeiten waren es jene, welche die politische Macht innezuhaben glaubten, denen der Gedanke an selbstbestimmt denkende und handelnde Bürger zutiefst unheimlich, ja zuwider war. Die Heroisierung von Freiheitsbewegungen fremder Völker und Nationen gehörte beispielsweise zum festen Repertoire der DDR-Propaganda, während gleichzeitig von der SED und ihren Handlangern in den „bewaffneten Organen“ finstere Pläne geschmiedet wurden für den Fall, dass das eigene Volk sich seiner Macht bewusst werden könnte. Dem lag die Vorstellung zugrunde, dass Aufsässigkeit gegenüber der Obrigkeit nichts anderes sein kann als ein krimineller Akt. Entsprechend überzogen Politik und Medien die anfänglich überschaubare und dann rasant anschwellende Oppositionsbewegung mit geifernden Schmähungen, sprachen von Verbrechertum und staatsfeindlicher Hetze, wo Menschen sich nicht mehr herausnahmen denn anderer Meinung zu sein als die herrschenden Eliten.

Spätestens hier trifft die Erinnerung der ehemaligen DDR-Bürger in unseren Reihen an das Jahr 1989 auf das aktuelle Erleben jener, welche ehedem die friedliche Revolution im „Arbeiter- und Bauernstaat“ lediglich passiv aus der Ferne beobachten konnten. Letztere beginnen zu begreifen, was gemeint ist, wenn so mancher ostdeutsche Mitstreiter mit einer gewissen Fassungslosigkeit feststellt, dass er das irgendwie alles schon einmal erlebt hat, es seinerzeit aber gerade deswegen durchlitt, eben weil er es nie wieder durchmachen wollte. Dass es dazu nun erneut kommt, zeigt, die sogenannte Wende in der DDR war eine unfertige Revolution, welcher ihrer gesamtdeutschen Vollendung harrt.

Die patriotischen Kräfte in unserem Land sind vorderhand zum Motor dieses Umbruchs geworden. Noch längst nicht alle ihrer Protagonisten haben das begriffen, wohl aber die Eliten dieses Staates, welche wiederum gefangen sind in einem ideologischen Korsett und damit unfähig, auf die Herausforderungen unserer Zeit die richtigen Antworten zu finden. Das Bonmot Michail Gorbatschows von der Bestrafung der Zuspätkommenden durch die Geschichte hat in unseren Tagen freilich nichts an seiner Aktualität eingebüßt und das wird so manchem Hochfahrenden, der momentan in einer Mischung aus Hass und Arroganz gegen unsereins zu Felde zieht, fürderhin noch die eine oder andere bittere Erfahrung bescheren.

Wie dankbar sollten die Ostdeutschen sein, dass sie damals jene Erfahrungen machen durften, an die wir uns nun, 29 Jahre später, mit neuer Lebendigkeit erinnern. Und wie begierig sollten die Westdeutschen sein, davon zu hören, was im Herbst 1989 geschah, damit wir alle gemeinsam nicht vergessen, welche Macht ein Volk haben kann, wenn es sie mutig und entschlossen zu gebrauchen versteht.

© Foto: Pixabay

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2 Gedanken zu „Gedanken zum 29. Jahrestags des Mauerfalls

  1. Holger, nach dem bröckelnden Ostblock und deren planwirtschaftlichen Untergang kamen auch die Ostdeutschen zwar spät, aber immer noch mutig auf die Straße und demonstrierten gegen das ideologisch erstarrte SED-Regime.
    Die „Helden von Leipzig“ waren die Ersten in der DDR, und deren 70.000 Mitläufer im Ring zeigten noch richtig Mumm. Nachdem die Stasi und Vopo nicht eingegriffen hatte, zogen auch die Rostocker noch nach.
    Die Polen und Tschechen haben die Ostdeutschen beneidet, dass es noch Westdeutsche und deren gesunde Volkswirtschaft gab,
    die nicht nur ein 100,– DM Begrüßungsgeld bereithielten, sondern auch noch Löhne, Gehälter und Renten aus Steuergeld für zusätzliche 10 Millionen Menschen zahlen konnten. Dazu war die Honecker-Regierung nach dem volkswirtschaftlichen Zusammenbruch bekanntlich nicht mehr in der Lage – es sei denn wertlos mit der Gelddrucke…

  2. Wir sollten – bei aller Hochachtung für jene, die 1989 auf die Straße gegangen sind – aber nicht vergessen:
    Die friedliche Revolution war nur deshalb friedlich, weil unser großer Vormund Rußland die DDR-Regierung bereits fallen gelassen hatte. Und diese Regierung offensichtlich doch nicht so verkalkt war, daß sie die Zeichen der Zeit nicht erkannt hätte. Anderenfalls wäre nach dem Kampfruf „Wir sind das Volk!“ der Nachruf auf viele tausende Tote und Inhaftierte gekommen.
    Und genau letzteres Szenarium befürchte ich, wenn ein (entsprechend der letzten Wahlergebnisse) kleiner Teil von vielleicht 20 % der deutschen Bevölkerung wieder einmal erkennen sollte, daß er „das Volk“ ist.
    Wir haben starke Feinde, die mit jedem Tag stärker werden: Unsere indoktrinierte und vom Staat gesäugt und gepamperte Jugend, fast alle genauso mit Steuergeldern versorgten Moslems, der gesamte Staat – einschließlich der Polizei.
    Bei allen letzten Wahlen auf Landes- und Bundesebene haben die Deutschen ihre Chance auf eine weitere friedliche Revolution endgültig versaut. Mit Sarkasmus betrachtet: Veni, vini, violini: Ich kam, ich sah, und ich vergeigte.

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