Hansetag 2018 in Rostock: Es lebe die Vielfalt!

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Ans Vaterland, ans teure, schließe dich an, das halte fest mit deinem ganzen Herzen! Hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft.“ (Friedrich Schiller)

In den offiziellen Verlautbarungen und Programmheften zum 800. Jubiläum der Verleihung des Stadtrechts an Rostock durch den mecklenburgischen Fürsten Heinrich Borwin I. am 24. Juni im Jahre des Herrn 1218 dürfen sie nicht fehlen, die formelhaften Hinweise darauf, dass unsere Hansestadt „bunt und vielfältig“ sei. Diese infantile Phrase wird dann meist noch durch das Adjektiv „weltoffen“ ergänzt. Nach aktueller ideologischer Definition bedeutet das, Rostock müsse wie ganz Deutschland willens sein, möglichst die ganze Welt an sich heran und sich hinein zu lassen, sei es in Form von unbegrenzter Zuwanderung oder durch andere identitätsverändernde Einflüsse, wie sie die Globalisierung nolens volens mit sich zu bringen scheint.

Was die Verfechter dieses Ansatzes geflissentlich unterschlagen, ist freilich, dass Rostock als Identität stiftender Ort dadurch seinen Charakter verliert, beliebig wird und somit die Vielfalt auf einer höheren Ebene zu ruinieren hilft. Diese höhere Ebene repräsentiert der zeitgleich zum Stadtgeburtstag in Rostock durchgeführte Hansetag, eine Reminiszenz an den mittelalterlichen Städtebund, welcher von den Protagonisten der Vereinigten Staaten von Europa in den letzten Jahren zu einer Art Vorläufer der EU stilisiert worden ist. Natürlich ist das genau so absurd wie die jährlich in Aachen zelebrierte geschichtsverfälschende Schnapsidee, Karl der Große sei ein Vordenker des Brüsseler Konstrukts gewesen.

Wer nun dieser Tage die Rostocker Innenstadt durchstreifte, um die zahlreichen Pavillons zu begutachten, in denen sich alle möglichen Hansestädte aus allen Ecken des Nord- und Ostseeraumes präsentierten, dem offenbarte sich in der Tat eine atemberaubende kulturelle Vielfalt. Diese „Buntheit“ droht jedoch zu verschwinden, wenn Orte und Regionen ihre Eigenarten, ihr Gepräge, eben ihre ganz besondere Identität aufs Spiel setzen, in dem sie allen Ernstes glauben, es wäre bereichernd, wenn sich unsere in Jahrhunderten gewachsene Kultur in einem multikulturellen Einheitsbrei auflöst. Das führte in den vergangenen Jahren zu allerlei wahnwitzigen Vorschlägen, wie zum Beispiel der Idee Heribert Prantls von der Süddeutschen Zeitung, der auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise von einer Ostkolonisation durch Flüchtlinge träumte, in deren Verlauf sich afrikanische Maniokbauern neuen Lebensraum im dünn besiedelten Mecklenburg-Vorpommern erschließen sollten.

Abseits von derlei Irrsinn sind unsere Städte bereits seit vielen Jahren dabei, langsam aber sicher ihren tradierten Charme zu verlieren. In der Rostocker Fußgängerzone gibt es beispielsweise nur noch zwei Geschäfte, die vor fünfundzwanzig Jahren auch schon da waren, und das nur, weil deren Inhabern auch das dazugehörige Haus gehört. Ansonsten wird unsere Innenstadt von den immer gleichen Filialen internationaler Einzelhandelsketten dominiert, die man so auch in jeder anderen deutschen oder europäischen Stadt vorfindet. Nicht minder betrüblich ist die unübersehbare Nivellierung im gastronomischen Bereich. Ganze zwei historische Kneipen haben im alten Rostocker Hafenviertel überlebt und künden von einer fernen Zeit, da am Warnowufer Schiffe aus aller Welt anlegten und ihre Waren löschten, während die Matrosen indessen die Heuer in eine der damals zahlreichen Schankwirtschaften trugen. Natürlich bieten auch die modernen Steakhäuser, Chinarestaurants und Italiener durchaus kulinarische Höhepunkte. Gleichwohl ist es etwas anderes, in einem Wirtshaus zu sitzen, in dessen Dunst bereits Ernst Thälmann nach einer Rede vor Arbeitern der Neptunwerft ein kühles Bier genossen hat.

Vielfalt im großen Maßstab zu bewahren, erfordert im Kleinen ein Festhalten an der eigenen Identität. All die vielen herrlichen Kirchen, Burgen, Schlösser, Klöster und Bürgerhäuser, welche mit so hohem Aufwand für die Nachwelt bewahrt werden, verlören ihren Wert, wenn das Bewusstsein der eigenen Geschichte, die all das hervorgebracht hat, verschwinden würde. Dies unter den Bedingungen der Globalisierung zu verhindern, bleibt die ultimative Herausforderung für uns in der Zukunft.

 

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Ein Gedanke zu „Hansetag 2018 in Rostock: Es lebe die Vielfalt!

  1. Holger, Sie haben in o.g. Artikel völlig recht: Ein bißchen exotische, fremde und germanisierte Folklore bedeutet noch keinen Zugewinn oder gar Ersatz für tradierte und authentische Kultur!
    Der Kulturbegriff ist sowieso inzwischen völlig verflacht, -selbst auf sog. „höchster Repräsentanten“Ebene-, und kann von den meisten unter uns gar nicht mehr definiert werden. Er bedeutet nämlich stets etwas wirklich „Erhabenes“ (wie unser wertvollstes Bauwerk der Stadt- die großartige Marienkirche, oder das europäische Denken und die reiche deutsche Sprache von Goethe und Schiller u.v.a. ) zu erleben und im öffentlichen Bewußtsein zu bewahren; und sich daran selbst aus den Niederungen des Alltags emotional voller Bewunderung erheben und geistig erbauen/fördern zu können.

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