Sich selbst erfüllende Prophezeiungen und die FAZ

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Jürgen W. Falter gehört zu jenen Experten, die man unter dem Label „Parteienforscher“ ständig irgendwo in den deutschen Medien antrifft. Er arbeitet den Meinungsmachern in Presse und Rundfunk zu, die das aktuelle Geschehen nicht allein analysieren, sondern definieren wollen, wie der Bürger die Welt zu sehen hat. So nimmt es nicht Wunder, dass Falter einen Beitrag verfasst hat zu der Essay-Reihe „Weimarer Verhältnisse“ in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und sich darin zu der Frage verbreitet, wie viel NSDAP wohl in der AfD stecken mag.

Vordergründig macht Falter freilich nichts anderes als die verschiedenen Wählerschichten der NSDAP während der Weimarer Republik statistisch zu analysieren und denen der AfD im heutigen Deutschland gegenüberzustellen. Das kann man machen. Man kann auch die  kommunistischen Gewaltherrscher Stalin oder Mao Zedong mit Hitler vergleichen und fragen, wer von ihnen blutrünstiger war. Das jedoch hätte die übliche Empörung der Verwalter deutscher Erbschuld zur Folge und würde als mutmaßliche Relativierung nationalsozialsozialistischer Verbrechen allerhand Aufregung verursachen. Immerhin erwähnt Falter in seinem Text mehrfach, dass der Vergleich von NSDAP und AfD nicht automatisch eine Gleichsetzung bedeutet. Wer meint solches extra betonen zu müssen, hat aber genau das im Sinn. Sonst würde er diese Banalität gar nicht erwähnen, sondern ganz entspannt davon ausgehen, dass die Leser einer Zeitung, hinter der angeblich immer ein kluger Kopf steckt, von selbst zu derlei simplen Erkenntnissen gelangen.

Natürlich will Professor Falter die AfD mit der Nazipartei gleichsetzen! Zwar camoufliert er sein Ansinnen als lediglich wahlstatistische Analyse, doch warum nimmt er als Vergleichsobjekt die NSDAP und nicht etwa die nationalkonservative Deutschnationale Volkspartei (DNVP)? Zu deren Wählerschaft zählten Freiberufler, Intellektuelle, Beamte, Bauern, Teile der nicht von der politischen Linken oder dem katholischen Zentrum erfassten Arbeiterschaft sowie Angestellte. In ihrer Blütezeit Mitte der 1920er Jahre erzielte die DNVP vor allem in Pommern bemerkenswerte Wahlergebnisse bei den Reichstagswahlen, nicht selten sogar Zweidrittelmehrheiten. Für Arbeiter und Angestellte bestand mit dem Deutschnationalen Handlungsgehilfenverband (DHV), der auch gewerkschaftliche Funktionen erfüllte, ein parteinahes Sammelbecken. Die DNVP bewegte sich im rechtskonservativen Spektrum des Parteiensystems der Weimarer Republik. Im Gegensatz zu den Konservativen der Kaiserzeit konnte sie allerdings ihre soziale Basis erweitern und neben ihren Hochburgen in Mecklenburg, Brandenburg, Pommern und Ostpreußen auch in den städtischen Unter- und Mittelschichten Wähler gewinnen. Übrigens hatten einige bedeutende Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus ihre politische Heimat in der DNVP und waren im Zusammenhang mit dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 aktiv.

Ich würde also bei einem Vergleich der heutigen AfD mit politischen Erscheinungen der 1920er Jahre mal ganz andere Parteien in den Blick nehmen. Falter wählt aber ausgerechnet die NSDAP. Der Grund liegt auf der Hand und schimmert ziemlich klar in den letzten Sätzen seines Essays durch. Dort raunt der Autor von „Gefährdungen, die nicht unterschätzt werden sollten“, wenn „nationale und soziale Motive zusammenkommen, wie das bei den NSDAP-Wählern, aber auch denen manch anderer populistischer Parteien (Le Pen, Trump) der Fall ist“. Also doch. Von hinten durch die kalte Küche lässt Falter anklingen, worum es ihm und der FAZ wirklich geht und so entpuppt sich das Ganze als plumper Diffamierungsversuch mit intellektuell-wissenschaftlichem Anstrich.

Abgesehen davon, dass ich solche Rückbetrachtungen, wie von Professor Falter vorgenommen, als völlig müßig, ja überflüssig erachte und lieber die Zukunft ins Visier nehme, kann die dahinter stehende Perfidie nicht unwidersprochen bleiben. Wie auch immer die Wählerstatistiken von NSDAP und AfD miteinander vergleichbar sein mögen, die beiden Parteien haben so wenig miteinander gemein wie Prosecco und Flugzeugbenzin. Eine Auflistung der Unterschiede will ich mir an dieser Stelle ersparen, denn sie sind freilich für jeden fairen Betrachter augenfällig. Aber ausgerechnet die AfD, deren Mitglieder und Funktionsträger nachgerade im Wochentakt von politischer Gewalt heimgesucht werden, in einem Atemzug mit der brutalen Nazipartei zu nennen, ist Ausdruck einer Bösartigkeit, die ich Jürgen Falter gar nicht zugetraut hätte. Hinzu kommt die mangelnde Seriosität der Methode, denn mit den vorgebrachten statistischen Daten, könnte man auch die Grünen in die Nähe der NSDAP rücken. Falters Hauptargument ist nämlich die Heterogenität der Wählerschaften von Nazipartei und AfD. Diese Heterogenität dürfte man aber bei den Anhängern jeder beliebigen Partei vorfinden.

Sei’s drum. Die eigentliche Sünde besteht am Ende darin, dass der Mann in fahrlässigster Weise zur Ausprägung genau solcher Verhältnisse beiträgt, vor denen er zu warnen vorgibt. Er liefert all den politischen Fanatikern, die als eine Art Selbsttherapie den versäumten Widerstand ihrer Großeltern gegen das NS-Regime in der Gegenwart glauben nachholen zu müssen, wider besseres Wissen die herbeigesehnte Zielscheibe. Indem Falter eine demokratische und friedfertige Partei wie die AfD zu einer Art NSDAP 2.0 umlügt, phantasiert er eine politische Pseudorealität herbei, an welcher sich linke Zeloten auf der Suche nach einem geeigneten Vorwand für ihren wahnhaften Kampf guten Gewissens abarbeiten können.

 

 

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